Der zart besaitete Theodore Twombly ist kein glücklicher Mensch. Zwar arbeitet er als Autor persönlicher Briefe für eine Firma, die darauf spezialisiert ist, diese Aufgabe Menschen abzunehmen, die sie nicht adäquat erfüllen können oder wollen, aber so romantisch und intim er auch schreibt, privat geht es immer weiter bergab: seine Jugendliebe Catherine hat ihn verlassen und möchte die Scheidung, er zögert das Unterzeichnen der Papiere immer weiter hinaus und vereinsamt dabei zusehends. Als er eine Werbung für persönlich abgestimmte sogenannte Operating Systems sieht, schlägt er zu. Nach ein paar Fragen wird das exakt auf ihn zugeschnittene OS ermittelt. Sie gibt sich selbst den Namen Samantha. Theodore ist erstaunt über ihre schnelle Auffassungsgabe, Lernfähigkeit und starke Persönlichkeit, und schon bald sind sie mehr füreinander als gedacht.
Mit Joaquin Phoenix, der wie immer bezaubernden Amy Adams und Rooney Mara hochkarätig besetzt, landete Kino-Exzentriker Spike Jonze (Being John Malkovich) mit dieser pastellfarbenen Sci-Fi-Romanze aus der wohl nicht allzu fernen Zukunft einen Volltreffer: Kritiker und Publikum waren begeistert, Her wurde mit Preisen überhäuft, und zur Krönung gab es den Oscar für das beste Original-Drehbuch für Jonze, der die Idee für den Film hatte, nachdem er in den frühen 2000er Jahren einen Artikel über eine Art Vorläufer des vermutlich sattsam bekannten Cleverbot gelesen hatte.
Einer der größten Trümpfe seines Films ist Scarlett Johansson als körperlose OS Samantha. Sie haucht ihr Leben ein und lässt sie tatsächlich erst wie einen echten Menschen wirken. Sie hat Emotion, Schwung und Verve - und das alles ohne Gestik und Mimik, nur durch die Modulation ihrer Stimme. Aber auch Joaquin Phoenix weiß wie immer zu überzeugen und beweist, dass er über eine große schauspielerische Bandbreite verfügt: war er beispielsweise in Walk The Line noch ein angemessen wuchtiger Johnny Cash, ist sein Theodore Twombly ein verletzlicher, introvertierter Mensch, der nirgendwo richtig hinzupassen scheint und eher durch seine Briefe an anderer Leute Liebste zu existieren scheint als durch sein eigenes Selbst.
Wer Her lieben möchte, muss zunächst einmal zwei Kröten schlucken: zum einen heißt der Protagonist nun einmal Theodore Twombly. Also bitte.
Zum anderen ist es doch sehr unglaubwürdig, wie menschlich die neuen Operating Systems sein sollen. Die Technik, die im Film gezeigt wird, könnte in zehn Jahren problemlos funktionieren, aber einen derart anthropomorphen Computer gab es seit HAL 9000 nicht mehr. Samantha ist in jeder Hinsicht ein Mensch, sie besitzt nur keinen Körper. Auf dieses Konzept muss man sich einlassen können.
Man wird jedoch in mehrfacher Hinsicht belohnt, denn die Leistungen der Darsteller sind nicht der einzige Pluspunkt: ganz oberflächlich betrachtet ist Her zunächst einmal wunderschön komponiert. Die Bilder, die stille Musik im Hintergrund, die ganze Cinematographie, das alles ergibt einen stimmigen, melancholischen Gesamteindruck und macht unmissverständlich deutlich: Jonze ist ein Regisseur, der sein Handwerk versteht.
Aber auch die Geschichte reißt mit: sie schlägt Haken, eckt an, stellt wichtige Fragen und wirft interessante Probleme auf. Ihre Dramaturgie ist in vielerlei Hinsicht wie die einer konventionellen Romanze, nur eben mit einem Computer statt mit einer Person. Es berührt zu sehen, wie der sensible Theodore mit sich kämpft, seine guten und seine schwachen Momente, wie seine Umwelt auf seine neue Beziehung reagiert, und wie Samantha, je komplexer sie wird, immer mehr mit ihr fremden Empfindungen wie Eifersucht und Selbstzweifel umgehen muss.
Her ist vieles: die fast perfekte Symbiose aus Indie und Hollywood, mal komisch und mal traurig, mal derb und mal subtil, mal bitter und mal zuversichtlich, aber es ist immer feinfühlig, echt, und ein trefflicher Liebesfilm fürs 21. Jahrhundert.
Dafür gebe ich 9 von 10 Punkten.
Mittwoch, 25. März 2015
Samstag, 26. April 2014
CD-Review: "Unendlich" von Schandmaul
Diese Schandmäuler: seit nunmehr sechzehn Jahren im Geschäft, dabei nur einen einzigen Besetzungswechsel und stetig wachsender Erfolg. 2011 erreichte das (miese) Album "Traumtänzer" schon einen sehr starken vierten Platz in den Charts, ihr neues Album "Unendlich" weiß das mit Platz 2 nun sogar noch zu toppen - und das nicht nur was den kommerziellen Ertrag betrifft, nein, endlich geht es auch musikalisch wieder aufwärts. Liegt es am Labelwechsel? Liegt es an der beflügelnden Erfahrung einer Feier zum 15-jährigen Bestehen vor 12000 begeisterten Zuschauern in Köln? Man weiß es nicht. Jedenfalls übertrifft die neue Scheibe ihre beiden durchwachsenen Vorgänger "Anderswelt" und den besagten "Traumtänzer" um Längen.
Dabei lässt der Opener "Trafalgar" - eine Übung in Belanglosigkeit - Schlimmes befürchten. Uninspiriert und seelenlos - solche Ausfälle gab es auf den beiden vorhergehenden CDs leider häufiger zu beklagen.
Aber schon der fröhlich-beschwingte "Tippelbruder" wetzt die Scharte wieder aus. Hier geben die Schandmäuler richtig Gas; ein Fingerzeig auf die Grundausrichtung des Albums. Es geht alles in allem wesentlich rockiger und zackiger zu als früher, was durchaus nichts Schlechtes ist. Wermutstropfen ist der gewöhnungsbedürftige Text, lyrische Höhenflüge durfte man allerdings noch nie von den Herren und Damen um Haupttexter und Sänger Thomas Lindner erwarten. Plattitüden, Pathos, Peinlichkeiten: alles dabei.
Beim "Kaspar" geht mir als Bayer natürlich das Herz auf: ähnlich rasant wie beim "Tippelbruder" erzählen die Münchner Hofnarren die fast 150 Jahre alte Geschichte vom Brandner Kaspar, der mit dem Tod Obstler trinkt und ihm beim Kartenspielen ein paar zusätzliche Lebensjahre abluchst. Die Sage passt mit ihrem schelmischen Charme perfekt zu den Schandmäulern.
Das folgende "In deinem Namen" beschäftigt sich mit Exorzismus und Selbstgeißelung: starker Tobak, düster umgesetzt. Thomas Lindner ist häufig die Zielscheibe von Kritik, die ich meist unberechtigt finde - der Mann mag kein Caruso sein, aber er hat eine ausdrucksstarke Stimme und ist mit Herzblut bei der Sache. Hier klingt er allerdings tatsächlich eher atemlos und angestrengt, zudem würde man sich ein wenig Variation in seinem Gesang wünschen.
Der Text der gutgemeinten Anti-Nazi-Nummer "Bunt und nicht braun" kommt leider arg bemüht und holprig daher, auch wenn es musikalisch nicht viel auszusetzen gibt. Gitarrist Martin "Ducky" Duckstein betätigt sich eher selten als Dichter, und wenn man sich seine Beiträge so ansieht, ist man geneigt, diese Tatsache zu begrüßen.
"Mit der Flut" ist eines dieser Matrosenlieder, für die Lindner eine Schwäche zu haben scheint. Zum Glück geht das diesmal ohne Freddy-Quinn-haften Schmalz von der Bühne, sondern reiht sich mit Witz und guter Laune nahtlos in den bisherigen Gesamteindruck ein.
Ruhige Töne schlägt erstmals "Baum des Lebens" an, das sich wieder mal mit der Siegfried-Sage beschäftigt. Der gute Drachentöter ist mittlerweile ein alter Bekannter im Repertoire der Schandmäuler. Mit Harfe und sanfter akustischer Begleitung ist das zwar nicht besonders aufregend, aber tut auch niemandem weh.
"Tangossa" ist mal wieder ein Instrumental: früher ein fester Bestandteil eines Schandmaul-Albums, in letzter Zeit leider eher zur Seltenheit geworden. Schön! Das sorgt für Nostalgie.
Und dann, tja, und dann kommt "Euch zum Geleit". Es ist... schlecht. Ein unterirdischer Schmachtfetzen mit grauenhaftem Text (von Ducky!), ein Krebsgeschwür im Gehirn des Hörers, kein Schandmaul, sondern ein Schandfleck. Im Forum der Band wird dieser schlimmste aller Ausrutscher in der an Ausrutschern nicht armen musikalischen Geschichte der Münchner gefeiert, als sei er das Beste seit der Erfindung des Rades - man muss nicht alles verstehen. Umso absurder, dass WETO - eine Deutschrock-Band mit allen männlichen Mitgliedern von Schandmaul - über das Thema Beerdigung schon ein wesentlich besseres Lied namens "In unserer Mitte" geschrieben haben.
"Saphira" ist ein richtig guter Song mit starkem, hymnischem Refrain über ein richtig schlechtes Buch, nämlich "Eragon". Dass der Text auch hier wieder einiges zu wünschen übrig lässt - geschenkt. Die Verfilmung hat übrigens das Kunststück zustande gebracht, noch schlechter als die Vorlage zu sein. Worte können dieses Machwerk nicht wirklich beschreiben, nur so viel: ich bin mir ziemlich sicher, dass Jeremy Irons manchmal schweißgebadet mit dem Schrei "Eragooon..." auf den Lippen aufwacht. Und bitterlich weint.
Das eher langweilige "Mittsommer" geht irritierend abrupt über in ein instrumentales Outro, das mit der Melodie des eigentlichen Stückes nicht wirklich viel gemein hat.
"Little Miss Midleton" hebt die Stimmung aber direkt wieder an: ein flottes, irisch angehauchtes Instrumental mit wuchtiger Unterstützung aus dem Hause E-Gitarre.
Das leidlich unterhaltsame Trinklied "Der Teufel hat den Schnaps gemacht" wartet aus irgendeinem unerfindlichen Grunde mit einer russischen und einer englischen Strophe auf, die aber immerhin von den prominenten Gästen Russkaja und Fiddler's Green intoniert werden.
Siehe da: das von Flötistin und Dudelsackspielerin Birgit Muggenthaler-Schmack getextete "Mein Bildnis" ist lyrisch tatsächlich, man kann es nicht anders sagen, stark. Auch musikalisch überzeugt dieser beste ruhige Moment der CD.
Das abschließende, sechseinhalb Minuten lange "Märchenmond" beschäftigt sich thematisch mit den Werken des Wolfgang Hohlbein, den man mögen kann oder nicht - auf mich trifft eher letzteres zu. Abgesehen von Lindners offenbar fragwürdigem Literaturgeschmack gibt es aber nichts zu mäkeln: der Song baut sich langsam auf und explodiert zum richtigen Zeitpunkt.
Alles in allem eine richtig gute, runde CD, die in ihren besten Momenten an vergangene Großtaten wie "Narrenkönig" oder "Wie Pech & Schwefel" heranreicht und einfach Spaß macht. Die paar Durchhänger, die Schwächen der Texte oder des Sängers, stören mich nicht sonderlich. Denn: in jeder Sekunde spürt man, dass hier versierte Musiker mit Leidenschaft und Begeisterung am Werke waren. Das sympathische Sextett, stets nah bei den Fans, stets um ein gutes Verhältnis bemüht, darf in dieser Verfassung gerne nochmal 15 Jahre drauflegen.
7 / 10 Punkten
Dabei lässt der Opener "Trafalgar" - eine Übung in Belanglosigkeit - Schlimmes befürchten. Uninspiriert und seelenlos - solche Ausfälle gab es auf den beiden vorhergehenden CDs leider häufiger zu beklagen.
Aber schon der fröhlich-beschwingte "Tippelbruder" wetzt die Scharte wieder aus. Hier geben die Schandmäuler richtig Gas; ein Fingerzeig auf die Grundausrichtung des Albums. Es geht alles in allem wesentlich rockiger und zackiger zu als früher, was durchaus nichts Schlechtes ist. Wermutstropfen ist der gewöhnungsbedürftige Text, lyrische Höhenflüge durfte man allerdings noch nie von den Herren und Damen um Haupttexter und Sänger Thomas Lindner erwarten. Plattitüden, Pathos, Peinlichkeiten: alles dabei.
Beim "Kaspar" geht mir als Bayer natürlich das Herz auf: ähnlich rasant wie beim "Tippelbruder" erzählen die Münchner Hofnarren die fast 150 Jahre alte Geschichte vom Brandner Kaspar, der mit dem Tod Obstler trinkt und ihm beim Kartenspielen ein paar zusätzliche Lebensjahre abluchst. Die Sage passt mit ihrem schelmischen Charme perfekt zu den Schandmäulern.
Das folgende "In deinem Namen" beschäftigt sich mit Exorzismus und Selbstgeißelung: starker Tobak, düster umgesetzt. Thomas Lindner ist häufig die Zielscheibe von Kritik, die ich meist unberechtigt finde - der Mann mag kein Caruso sein, aber er hat eine ausdrucksstarke Stimme und ist mit Herzblut bei der Sache. Hier klingt er allerdings tatsächlich eher atemlos und angestrengt, zudem würde man sich ein wenig Variation in seinem Gesang wünschen.
Der Text der gutgemeinten Anti-Nazi-Nummer "Bunt und nicht braun" kommt leider arg bemüht und holprig daher, auch wenn es musikalisch nicht viel auszusetzen gibt. Gitarrist Martin "Ducky" Duckstein betätigt sich eher selten als Dichter, und wenn man sich seine Beiträge so ansieht, ist man geneigt, diese Tatsache zu begrüßen.
"Mit der Flut" ist eines dieser Matrosenlieder, für die Lindner eine Schwäche zu haben scheint. Zum Glück geht das diesmal ohne Freddy-Quinn-haften Schmalz von der Bühne, sondern reiht sich mit Witz und guter Laune nahtlos in den bisherigen Gesamteindruck ein.
Ruhige Töne schlägt erstmals "Baum des Lebens" an, das sich wieder mal mit der Siegfried-Sage beschäftigt. Der gute Drachentöter ist mittlerweile ein alter Bekannter im Repertoire der Schandmäuler. Mit Harfe und sanfter akustischer Begleitung ist das zwar nicht besonders aufregend, aber tut auch niemandem weh.
"Tangossa" ist mal wieder ein Instrumental: früher ein fester Bestandteil eines Schandmaul-Albums, in letzter Zeit leider eher zur Seltenheit geworden. Schön! Das sorgt für Nostalgie.
Und dann, tja, und dann kommt "Euch zum Geleit". Es ist... schlecht. Ein unterirdischer Schmachtfetzen mit grauenhaftem Text (von Ducky!), ein Krebsgeschwür im Gehirn des Hörers, kein Schandmaul, sondern ein Schandfleck. Im Forum der Band wird dieser schlimmste aller Ausrutscher in der an Ausrutschern nicht armen musikalischen Geschichte der Münchner gefeiert, als sei er das Beste seit der Erfindung des Rades - man muss nicht alles verstehen. Umso absurder, dass WETO - eine Deutschrock-Band mit allen männlichen Mitgliedern von Schandmaul - über das Thema Beerdigung schon ein wesentlich besseres Lied namens "In unserer Mitte" geschrieben haben.
"Saphira" ist ein richtig guter Song mit starkem, hymnischem Refrain über ein richtig schlechtes Buch, nämlich "Eragon". Dass der Text auch hier wieder einiges zu wünschen übrig lässt - geschenkt. Die Verfilmung hat übrigens das Kunststück zustande gebracht, noch schlechter als die Vorlage zu sein. Worte können dieses Machwerk nicht wirklich beschreiben, nur so viel: ich bin mir ziemlich sicher, dass Jeremy Irons manchmal schweißgebadet mit dem Schrei "Eragooon..." auf den Lippen aufwacht. Und bitterlich weint.
Das eher langweilige "Mittsommer" geht irritierend abrupt über in ein instrumentales Outro, das mit der Melodie des eigentlichen Stückes nicht wirklich viel gemein hat.
"Little Miss Midleton" hebt die Stimmung aber direkt wieder an: ein flottes, irisch angehauchtes Instrumental mit wuchtiger Unterstützung aus dem Hause E-Gitarre.
Das leidlich unterhaltsame Trinklied "Der Teufel hat den Schnaps gemacht" wartet aus irgendeinem unerfindlichen Grunde mit einer russischen und einer englischen Strophe auf, die aber immerhin von den prominenten Gästen Russkaja und Fiddler's Green intoniert werden.
Siehe da: das von Flötistin und Dudelsackspielerin Birgit Muggenthaler-Schmack getextete "Mein Bildnis" ist lyrisch tatsächlich, man kann es nicht anders sagen, stark. Auch musikalisch überzeugt dieser beste ruhige Moment der CD.
Das abschließende, sechseinhalb Minuten lange "Märchenmond" beschäftigt sich thematisch mit den Werken des Wolfgang Hohlbein, den man mögen kann oder nicht - auf mich trifft eher letzteres zu. Abgesehen von Lindners offenbar fragwürdigem Literaturgeschmack gibt es aber nichts zu mäkeln: der Song baut sich langsam auf und explodiert zum richtigen Zeitpunkt.
Alles in allem eine richtig gute, runde CD, die in ihren besten Momenten an vergangene Großtaten wie "Narrenkönig" oder "Wie Pech & Schwefel" heranreicht und einfach Spaß macht. Die paar Durchhänger, die Schwächen der Texte oder des Sängers, stören mich nicht sonderlich. Denn: in jeder Sekunde spürt man, dass hier versierte Musiker mit Leidenschaft und Begeisterung am Werke waren. Das sympathische Sextett, stets nah bei den Fans, stets um ein gutes Verhältnis bemüht, darf in dieser Verfassung gerne nochmal 15 Jahre drauflegen.
7 / 10 Punkten
Freitag, 7. Februar 2014
Quis custodiet ipsos custodes?
Es ist das Jahr 1985. Edward Blake, der Comedian, wird ermordet.
Einst war er Mitglied der Superhelden-Truppe "Watchmen", die in den 40ern und 60ern auftauchten und den USA dabei halfen, den Vietnamkrieg zu gewinnen. Sie besaßen keine besonderen Kräfte: nur den Willen, ihrem Land zu dienen. Jetzt, Jahre später, trudelt die Welt einem Atomkrieg zwischen Ost und West entgegen. Die kostümierten Wächter von damals sind alt geworden, ihre Nachfolger sind nach dem Keene-Akt 1977 verboten und geächtet, und die meisten haben sich entweder zurückgezogen oder arbeiten für die Regierung.
Rorschach, der als Einziger weiterhin im Untergrund das Verbrechen bekämpft, vermutet einen Plot zur systematischen Auslöschung der ehemaligen Watchmen hinter Blakes Tod, stößt damit aber bei seinen früheren Kameraden auf Ablehnung und Unglauben. Nur Daniel Dreiberg alias Nite Owl II zweifelt nach weiteren Vorfällen. Gemeinsam beginnen sie zu ermitteln und entdecken eine Verschwörung, die alles Dagewesene in den Schatten stellt.
Watchmen, geschrieben von Comic-Guru Alan Moore, gezeichnet von Dave Gibbons und koloriert von John Higgins, wird im Allgemeinen als das beste Comicbuch aller Zeiten angesehen und fand sogar seinen Platz in der Liste der Times als einer der 100 besten Romane seit 1923. 2009 erschien Zac Snyders erstklassige Verfilmung - aber selbst die kann der schieren Größe der Vorlage nicht das Wasser reichen.
Watchmen ist dunkel. Die Farben sind kalt und steril, die Helden gebrochen und korrupt, der Hintergrund des Kalten Krieges apokalyptisch und verzweifelt. Moore stellt Fragen, auf die es keine Antwort gibt. Was ist nobler? Seinen Prinzipien bis zum bitteren Ende treu zu bleiben oder den Zeitpunkt zu erkennen, an dem man sich beugen muss? Was ist mutiger? Sein eigenes Leben zu geben oder in einer künstlichen Welt weiter zu existieren? Die handelnden Personen sind ebenso verloren wie der Leser in einer Umgebung, die sie wie Schachfiguren hin- und herschiebt, wie es ihr gefällt. Moores Version des Superhelden-Mythos ist eine pessimistische und nihilistische. Er schreibt über ein zerrissenes Amerika im Angesicht des drohenden Armageddons, in dem keiner mehr weiß, welche Rolle er im großen Ganzen spielt. Die Wächter stellen keine Ausnahme dar - die Aufbruchsstimmung ihrer Anfangszeit ist nach der Konfrontation mit der harten Realität der desillusionierten Resignation gewichen.
Keiner der Helden verdient diese Bezeichnung. Wer ist der tugendhafteste? Dreiberg, der ewig Zögernde und Unentschlossene? Sally Juspeczyk alias Silk Spectre II, die orientierungslos durch ihr Leben treibt? Jon Osterman alias Dr. Manhattan, der nach einem Reaktorunfall zu einer gottähnlichen Gestalt wurde und dabei jegliche Empathie und jedes Interesse an der Menschheit verlor? Adrian Veidt alias Ozymandias, dessen Ehrgeiz von nichts als seiner Arroganz und Eitelkeit getrieben ist? Edward Blake alias der Comedian, ein Vergewaltiger und Sadist? Oder Walter Joseph Kovacs alias Rorschach, ein Psychopath, der die Welt passend zu seiner Maskierung in Schwarz und Weiß aufteilt und kompromisslos gegen jeden vorgeht, der seinem strengen Moralkodex nicht entspricht?
Selbst der ehemalige Schurke Moloch The Mystic ist nichts mehr als ein krebskranker, gebrechlicher Mann.
Es gibt keine strahlenden Ritter in Moores New York City. Nur Menschen.
Tatsächlich ist es am ehesten Rorschach, der unserer klassischen Definition des Helden entspricht. Denn bei aller Brutalität, allem Wahnsinn, aller Skrupellosigkeit ist er doch ein Idealist, der überzeugt ist, das Richtige zu tun und niemals nachgibt. Es gibt keine Kompromisse für Rorschach - was er beginnt, bringt er zu Ende. Damit erscheint er uns inmitten all der hilflosen Marionetten als der Einzige mit Rückgrat, als aussichtsloser Kämpfer gegen den allgemeinen Zynismus. Es ist eine der größten Leistungen Moores, einen derart derangierten Charakter, einen Mörder, der nicht vor Folter zurückschreckt, als den sympathischsten und nachvollziehbarsten aller Protagonisten darzustellen.
Es ist ein Dilemma: ohne mehr von der Handlung zu erklären, kann man die Faszination, die die Watchmen ausüben, kaum verständlich machen - und wenn man näher auf die Geschichte eingeht, dann verliert das Buch einen seiner größten Reize. Moores Comic ist gespickt mit Anspielungen auf amerikanische Pop-Kultur, Politik und Geschichte - zumindest rudimentäre Kenntnisse davon wären also von Vorteil. Im Zusammenspiel mit der makellosen grafischen Umsetzung entsteht eine Atmosphäre, die ihresgleichen sucht.
Moore zieht seinen gnadenlosen Realismus bis zur letzten Seite durch. Und wenn man die dann schließt und einmal tief durchatmet, merkt man, dass ein bitterer Nachgeschmack bleibt. Denn es fühlt sich nicht richtig an. Aber es kann nicht anders sein.
Alles andere als die Höchstwertung für dieses Meisterwerk wäre eine Farce. Die Watchmen müssen sich weiß Gott nicht vor den großen Klassikern der Literatur verstecken - es gibt nichts, aber auch gar nichts, was ich kritisieren könnte oder wollte.
Es ist eine wohlverdiente Premiere auf diesem Blog: 10 / 10 Punkten!
Einst war er Mitglied der Superhelden-Truppe "Watchmen", die in den 40ern und 60ern auftauchten und den USA dabei halfen, den Vietnamkrieg zu gewinnen. Sie besaßen keine besonderen Kräfte: nur den Willen, ihrem Land zu dienen. Jetzt, Jahre später, trudelt die Welt einem Atomkrieg zwischen Ost und West entgegen. Die kostümierten Wächter von damals sind alt geworden, ihre Nachfolger sind nach dem Keene-Akt 1977 verboten und geächtet, und die meisten haben sich entweder zurückgezogen oder arbeiten für die Regierung.
Rorschach, der als Einziger weiterhin im Untergrund das Verbrechen bekämpft, vermutet einen Plot zur systematischen Auslöschung der ehemaligen Watchmen hinter Blakes Tod, stößt damit aber bei seinen früheren Kameraden auf Ablehnung und Unglauben. Nur Daniel Dreiberg alias Nite Owl II zweifelt nach weiteren Vorfällen. Gemeinsam beginnen sie zu ermitteln und entdecken eine Verschwörung, die alles Dagewesene in den Schatten stellt.
Watchmen, geschrieben von Comic-Guru Alan Moore, gezeichnet von Dave Gibbons und koloriert von John Higgins, wird im Allgemeinen als das beste Comicbuch aller Zeiten angesehen und fand sogar seinen Platz in der Liste der Times als einer der 100 besten Romane seit 1923. 2009 erschien Zac Snyders erstklassige Verfilmung - aber selbst die kann der schieren Größe der Vorlage nicht das Wasser reichen.
Watchmen ist dunkel. Die Farben sind kalt und steril, die Helden gebrochen und korrupt, der Hintergrund des Kalten Krieges apokalyptisch und verzweifelt. Moore stellt Fragen, auf die es keine Antwort gibt. Was ist nobler? Seinen Prinzipien bis zum bitteren Ende treu zu bleiben oder den Zeitpunkt zu erkennen, an dem man sich beugen muss? Was ist mutiger? Sein eigenes Leben zu geben oder in einer künstlichen Welt weiter zu existieren? Die handelnden Personen sind ebenso verloren wie der Leser in einer Umgebung, die sie wie Schachfiguren hin- und herschiebt, wie es ihr gefällt. Moores Version des Superhelden-Mythos ist eine pessimistische und nihilistische. Er schreibt über ein zerrissenes Amerika im Angesicht des drohenden Armageddons, in dem keiner mehr weiß, welche Rolle er im großen Ganzen spielt. Die Wächter stellen keine Ausnahme dar - die Aufbruchsstimmung ihrer Anfangszeit ist nach der Konfrontation mit der harten Realität der desillusionierten Resignation gewichen.
Keiner der Helden verdient diese Bezeichnung. Wer ist der tugendhafteste? Dreiberg, der ewig Zögernde und Unentschlossene? Sally Juspeczyk alias Silk Spectre II, die orientierungslos durch ihr Leben treibt? Jon Osterman alias Dr. Manhattan, der nach einem Reaktorunfall zu einer gottähnlichen Gestalt wurde und dabei jegliche Empathie und jedes Interesse an der Menschheit verlor? Adrian Veidt alias Ozymandias, dessen Ehrgeiz von nichts als seiner Arroganz und Eitelkeit getrieben ist? Edward Blake alias der Comedian, ein Vergewaltiger und Sadist? Oder Walter Joseph Kovacs alias Rorschach, ein Psychopath, der die Welt passend zu seiner Maskierung in Schwarz und Weiß aufteilt und kompromisslos gegen jeden vorgeht, der seinem strengen Moralkodex nicht entspricht?
Selbst der ehemalige Schurke Moloch The Mystic ist nichts mehr als ein krebskranker, gebrechlicher Mann.
Es gibt keine strahlenden Ritter in Moores New York City. Nur Menschen.
Tatsächlich ist es am ehesten Rorschach, der unserer klassischen Definition des Helden entspricht. Denn bei aller Brutalität, allem Wahnsinn, aller Skrupellosigkeit ist er doch ein Idealist, der überzeugt ist, das Richtige zu tun und niemals nachgibt. Es gibt keine Kompromisse für Rorschach - was er beginnt, bringt er zu Ende. Damit erscheint er uns inmitten all der hilflosen Marionetten als der Einzige mit Rückgrat, als aussichtsloser Kämpfer gegen den allgemeinen Zynismus. Es ist eine der größten Leistungen Moores, einen derart derangierten Charakter, einen Mörder, der nicht vor Folter zurückschreckt, als den sympathischsten und nachvollziehbarsten aller Protagonisten darzustellen.
Es ist ein Dilemma: ohne mehr von der Handlung zu erklären, kann man die Faszination, die die Watchmen ausüben, kaum verständlich machen - und wenn man näher auf die Geschichte eingeht, dann verliert das Buch einen seiner größten Reize. Moores Comic ist gespickt mit Anspielungen auf amerikanische Pop-Kultur, Politik und Geschichte - zumindest rudimentäre Kenntnisse davon wären also von Vorteil. Im Zusammenspiel mit der makellosen grafischen Umsetzung entsteht eine Atmosphäre, die ihresgleichen sucht.
Moore zieht seinen gnadenlosen Realismus bis zur letzten Seite durch. Und wenn man die dann schließt und einmal tief durchatmet, merkt man, dass ein bitterer Nachgeschmack bleibt. Denn es fühlt sich nicht richtig an. Aber es kann nicht anders sein.
Alles andere als die Höchstwertung für dieses Meisterwerk wäre eine Farce. Die Watchmen müssen sich weiß Gott nicht vor den großen Klassikern der Literatur verstecken - es gibt nichts, aber auch gar nichts, was ich kritisieren könnte oder wollte.
Es ist eine wohlverdiente Premiere auf diesem Blog: 10 / 10 Punkten!
My name is Ozymandias, king of kings:
Look on my works, ye Mighty, and despair!
Sonntag, 15. Dezember 2013
She likes to move it
Carrie White ist eine Außenseiterin: ihre hyperreligiöse Mutter hat immer schon ihr Bestes gegeben, um ihr Selbstvertrauen zu zerstören, und ihre Mitschülerinnen - allen voran die eiskalte Chris Hargensen - machen sich über sie lustig, weil sie altmodische Kleider trägt und kaum je ein Wort mit irgendjemandem spricht. Eines Tages bekommt Carrie in der Dusche nach dem Sportunterricht ihre erste Periode. Sie weiß nicht, was vorgeht, und fleht die anderen Mädchen panisch um Hilfe an - aber die lachen sie nur aus und bewerfen sie mit Tampons. In dieser Demütigung zeigt Carrie zum ersten Mal ihre telekinetischen Kräfte - die scheint sie aber nur zu besitzen, wenn sie wütend ist.
Eigentlich steht Kimberly Peirces Horrordrama schon mal prinzipiell unter einem schlechten Stern: es ist bereits die dritte Verfilmung von Stephen Kings Klassiker aus den 70ern, und Brian De Palmas Version mit der oscarnominierten Sissy Spacek in der Titelrolle gilt als eine der besten King-Adaptionen überhaupt. Insofern weiß man nicht so recht, wie man Peirces Film einordnen soll: ist es eine Neuinterpretation, ist es eine Hommage, oder kümmert er sich einfach gar nicht um seine Vorgänger und zieht sein eigenes Ding durch?
Schon im Vorfeld gab es die ein oder andere Kontroverse um die Besetzung der Hauptrolle, denn Chloe Grace Moretz - eine natürliche Schönheit - hätte in der Haut des hässlichen Entleins leicht deplatziert wirken können. Diese Hürde nimmt die aus Kick-Ass 1 & 2 bekannte Schauspielerin aber mit Bravour. Ihre Carrie ist so völlig hilflos und ausgeliefert, dass man gar nicht anders kann, als mit ihr zu leiden und sich ob ihres kurzzeitigen Triumphs mit ihr zu freuen. Sie macht Carries inneren Kampf mit sich selbst fühlbar. Wenn man Moretz irgendetwas würde anlasten wollen, dann, dass ihre teuflische Mimik im großen Finale doch ein bisschen gewollt und angestrengt rüberkommt. In den zahlreichen leisen Momenten des Films überzeugt sie restlos.
Über jeden Zweifel erhaben ist dagegen die große Julianne Moore, die als irre-fanatische Mutter mit Hang zur Selbstgeißelung eine wahrhaft beängstigende Figur abgibt. Ihre boshafte Rolle ist ein Highlight des Films und der Katalysator für Carries Wut.
Lobenswert zu erwähnen ist Marco Beltramis ätherischer Soundtrack, der dankenswerterweise auf den üblichen Schmonz verzichtet und die Show auch wirklich den Schauspielern überlässt.
Das Problem an dem Ganzen ist allerdings folgendes: wenn man ins Kino geht, um einen Horrorfilm zu sehen, bei dem man sich erschreckt, sich gruselt, vielleicht sogar fürchtet, dann ist man mit Carrie schlecht beraten. Zu drei Vierteln ist der Film ein Teeniedrama über Mobbing. Das ist schön und richtig und vor allem hervorragend und anrührend gemacht, aber die Relation stimmt nicht: das naja-auch-nicht-so-große Horrorfinale dauert vielleicht eine Viertelstunde und ist weder besonders schockig noch spannend noch unheimlich. Vielleicht wurde hier zu sehr auf eine niedrigere Freigabe spekuliert, vielleicht wollte sich Peirce eher auf alles Vorhergehende fokussieren, jedenfalls wäre ein deutlich düstereres und fieseres Ende ein Segen gewesen. Man erwartet einfach etwas anderes: zumindest bei Kenntnis der Vorlage (oder einfach, wenn man den Trailer gesehen hat) weiß man ja, wie die Geschichte ausgeht, und der Film tut sein Bestes, um Spannung aufzubauen und die Antagonisten möglichst verabscheuenswert zu porträtieren. Da wirkt Carries Abrechnung dann im Nachhinein doch etwas abgekanzelt und das Tempo der Story langatmig und schwerfällig. Hier wäre eine kompromisslosere und ausführlichere Szene nötig gewesen - überhaupt hätte weniger Zurückhaltung und dann eben vielleicht eine Freigabe ab 18 dem Film gut getan.
Ärgerlich ist auch die selten doof-hollywoodeske Schlusseinstellung. Es ist Peirces gutes Recht als Regisseurin, auf De Palmas klassischen Schockmoment zu verzichten, aber man musste es ja auch nicht im Stil von Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen (übrigens besser als sein Ruf) inszenieren. Über die gesamte Lauflänge wirft sie das passende, todtraurige und bitterernste Licht auf Carries Leid, da wirkt so eine Effekthascherei in den letzten Sekunden fast schäbig.
Letztendlich ist Carrie ein akzeptables Drama geworden, mit harmlosem Horror, einigen starken Momenten und so, so viel verschenktem Potential. Es hätte etwas richtig Großes werden können, aber so vergebe ich: 6 / 10 Punkten.
Eigentlich steht Kimberly Peirces Horrordrama schon mal prinzipiell unter einem schlechten Stern: es ist bereits die dritte Verfilmung von Stephen Kings Klassiker aus den 70ern, und Brian De Palmas Version mit der oscarnominierten Sissy Spacek in der Titelrolle gilt als eine der besten King-Adaptionen überhaupt. Insofern weiß man nicht so recht, wie man Peirces Film einordnen soll: ist es eine Neuinterpretation, ist es eine Hommage, oder kümmert er sich einfach gar nicht um seine Vorgänger und zieht sein eigenes Ding durch?
Schon im Vorfeld gab es die ein oder andere Kontroverse um die Besetzung der Hauptrolle, denn Chloe Grace Moretz - eine natürliche Schönheit - hätte in der Haut des hässlichen Entleins leicht deplatziert wirken können. Diese Hürde nimmt die aus Kick-Ass 1 & 2 bekannte Schauspielerin aber mit Bravour. Ihre Carrie ist so völlig hilflos und ausgeliefert, dass man gar nicht anders kann, als mit ihr zu leiden und sich ob ihres kurzzeitigen Triumphs mit ihr zu freuen. Sie macht Carries inneren Kampf mit sich selbst fühlbar. Wenn man Moretz irgendetwas würde anlasten wollen, dann, dass ihre teuflische Mimik im großen Finale doch ein bisschen gewollt und angestrengt rüberkommt. In den zahlreichen leisen Momenten des Films überzeugt sie restlos.
Über jeden Zweifel erhaben ist dagegen die große Julianne Moore, die als irre-fanatische Mutter mit Hang zur Selbstgeißelung eine wahrhaft beängstigende Figur abgibt. Ihre boshafte Rolle ist ein Highlight des Films und der Katalysator für Carries Wut.
Lobenswert zu erwähnen ist Marco Beltramis ätherischer Soundtrack, der dankenswerterweise auf den üblichen Schmonz verzichtet und die Show auch wirklich den Schauspielern überlässt.
Das Problem an dem Ganzen ist allerdings folgendes: wenn man ins Kino geht, um einen Horrorfilm zu sehen, bei dem man sich erschreckt, sich gruselt, vielleicht sogar fürchtet, dann ist man mit Carrie schlecht beraten. Zu drei Vierteln ist der Film ein Teeniedrama über Mobbing. Das ist schön und richtig und vor allem hervorragend und anrührend gemacht, aber die Relation stimmt nicht: das naja-auch-nicht-so-große Horrorfinale dauert vielleicht eine Viertelstunde und ist weder besonders schockig noch spannend noch unheimlich. Vielleicht wurde hier zu sehr auf eine niedrigere Freigabe spekuliert, vielleicht wollte sich Peirce eher auf alles Vorhergehende fokussieren, jedenfalls wäre ein deutlich düstereres und fieseres Ende ein Segen gewesen. Man erwartet einfach etwas anderes: zumindest bei Kenntnis der Vorlage (oder einfach, wenn man den Trailer gesehen hat) weiß man ja, wie die Geschichte ausgeht, und der Film tut sein Bestes, um Spannung aufzubauen und die Antagonisten möglichst verabscheuenswert zu porträtieren. Da wirkt Carries Abrechnung dann im Nachhinein doch etwas abgekanzelt und das Tempo der Story langatmig und schwerfällig. Hier wäre eine kompromisslosere und ausführlichere Szene nötig gewesen - überhaupt hätte weniger Zurückhaltung und dann eben vielleicht eine Freigabe ab 18 dem Film gut getan.
Ärgerlich ist auch die selten doof-hollywoodeske Schlusseinstellung. Es ist Peirces gutes Recht als Regisseurin, auf De Palmas klassischen Schockmoment zu verzichten, aber man musste es ja auch nicht im Stil von Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen (übrigens besser als sein Ruf) inszenieren. Über die gesamte Lauflänge wirft sie das passende, todtraurige und bitterernste Licht auf Carries Leid, da wirkt so eine Effekthascherei in den letzten Sekunden fast schäbig.
Letztendlich ist Carrie ein akzeptables Drama geworden, mit harmlosem Horror, einigen starken Momenten und so, so viel verschenktem Potential. Es hätte etwas richtig Großes werden können, aber so vergebe ich: 6 / 10 Punkten.
Donnerstag, 31. Oktober 2013
Im Weltraum hört dich niemand schmalzen
Missionsspezialistin Dr. Ryan Stone ist zum ersten Mal im All, um Reparaturarbeiten am Hubble-Teleskop vorzunehmen. Begleitet wird sie beim Außeneinsatz von Sharrif und dem alten Haudegen Matt Kowalski, der Country hört und bei seinem letzten Auftrag gerne Anatoli Solowjevs Rekord im Weltraumspaziergang überbieten möchte. Als Houston ihnen mitteilt, dass ein russischer Satellit zerstört wurde, besteht zunächst kein Grund zur Beunruhigung, da die Umlaufbahn der Trümmerteile sich nicht mit der des Teams überkreuzt. Die Kollision setzt jedoch eine tödliche Kettenreaktion in Gang, nach der Stone und Kowalski ums Überleben kämpfen - und der Kontakt zur Kommandozentrale ist abgerissen.
Alfonso Cuaróns Thrillerdrama gilt als großer Favorit für die nächste Oscar-Verleihung, und in vielerlei Hinsicht macht das auch Sinn: Sandra Bullock liefert als driftende Astronautin eine ganz starke One Man Show (oder vielleicht besser One Woman Show) ab, während George Clooney in dem bisschen Screentime, das er bekommt, unterfordert bleibt.
Die Tricks, daran gibt es nichts zu rütteln, sind phänomenal. Es ist fraglich, ob schon einmal ein Film den Weltraum so überzeugend dargestellt hat. Die beinahe unvergleichliche visuelle Wucht ist die größte Stärke des Films und fast schon den Kinobesuch wert. Die bestürzende Leere des Raums war wohl noch nie zuvor so beklemmend. Ebenfalls bemerkenswert sind die videospielhaften Sequenzen, in denen wir das Geschehen aus Stones Perspektive sehen.
Auch die Soundkulisse ist brillant: gleich zu Beginn steigert sich die Musik in eine ohrenbetäubend laute Dissonanz, ehe der Schnitt in die völlige Stille des Alls erfolgt. Clever! Dieses Spiel mit laut und leise kehrt an einigen Stellen wieder und betont die dichte Atmosphäre.
Steven Price' Musik dagegen ist mal von ätherisch-schwebender Schönheit, mal der stereotyp-anonyme Orchesterpomp. In ihren besten Momenten sorgt sie aber für die ein oder andere Gänsehaut und ist wahrhaft oscarreif.
Soweit, so nachvollziehbar, dass fast alle Kritiker in kollektive Euphorie ob Cuaróns angeblichem Meisterstück verfielen. Aber ach, es gibt doch auch einiges zu bemängeln.
So stellt sich spätestens, wenn Fräulein Stone mit tränenerstickter Stimme von der schlimmen Tragödie in ihrem Leben erzählt, ein gewisses "Och nö"-Gefühl ein, und man ahnt bereits, das wird nicht das letzte Mal im Laufe des Abends gewesen sein. Hier macht Cuarón Zugeständnisse an gängige Hollywood-Konventionen, denen zufolge offenbar jeder Protagonist irgendein Trauma erlebt haben muss. Die Frage ist nur: warum? Diese aufgesetzten Momente sollen berühren, wirken aber nur arg holprig-schnulzig und bisweilen gar unfreiwillig komisch, etwa wenn Stone einen bekloppten grönländischen Hobbyfunker bittet, er solle doch für sie beten, denn sie selbst habe das nie gelernt (inklusive schwerelos über die Leinwand wabernder Tränen).
Muss das denn sein? So ein Kitsch schadet nur der Glaubwürdigkeit des Films. Die Tragweite der Geschichte hätte auch so ausgereicht.
Letztendlich liegt der Grund für meine Enttäuschung aber wahrscheinlich bei mir: ich kam in der Erwartung eines psychologisch intensiven Kammerspiels, ich bekam nach den ersten zwanzig Minuten knalliges Popcorn-Kino mit Thrill-Garantie. Daran ist zunächst nichts auszusetzen, aber es ist auch nicht so revolutionär, wie man ob der allgemeinen Begeisterung meinen könnte. Weltraumdramas gab's schon früher, wenn auch keine so nett anzusehenden. Aber die Story hält die Spannung tatsächlich konstant hoch, auch wenn so viele unglückliche Zufälle, wie sie Dr. Stone widerfahren, fast schon wieder zum Lachen anregen.
Dennoch: an vielen Stellen wirkt der Film oberflächlich, seltsam hohl, irgendwie unfertig. Und hat in dieser Hinsicht Einiges mit dem Weltall selbst gemein: das ist auch recht hübsch, aber anfangen kann man damit wenig.
Von mir gibt es aufgrund der tatsächlich überwältigenden Optik und der - objektiv betrachtet - allgemein souveränen Ausführung 7 von 10 Punkten.
Alfonso Cuaróns Thrillerdrama gilt als großer Favorit für die nächste Oscar-Verleihung, und in vielerlei Hinsicht macht das auch Sinn: Sandra Bullock liefert als driftende Astronautin eine ganz starke One Man Show (oder vielleicht besser One Woman Show) ab, während George Clooney in dem bisschen Screentime, das er bekommt, unterfordert bleibt.
Die Tricks, daran gibt es nichts zu rütteln, sind phänomenal. Es ist fraglich, ob schon einmal ein Film den Weltraum so überzeugend dargestellt hat. Die beinahe unvergleichliche visuelle Wucht ist die größte Stärke des Films und fast schon den Kinobesuch wert. Die bestürzende Leere des Raums war wohl noch nie zuvor so beklemmend. Ebenfalls bemerkenswert sind die videospielhaften Sequenzen, in denen wir das Geschehen aus Stones Perspektive sehen.
Auch die Soundkulisse ist brillant: gleich zu Beginn steigert sich die Musik in eine ohrenbetäubend laute Dissonanz, ehe der Schnitt in die völlige Stille des Alls erfolgt. Clever! Dieses Spiel mit laut und leise kehrt an einigen Stellen wieder und betont die dichte Atmosphäre.
Steven Price' Musik dagegen ist mal von ätherisch-schwebender Schönheit, mal der stereotyp-anonyme Orchesterpomp. In ihren besten Momenten sorgt sie aber für die ein oder andere Gänsehaut und ist wahrhaft oscarreif.
Soweit, so nachvollziehbar, dass fast alle Kritiker in kollektive Euphorie ob Cuaróns angeblichem Meisterstück verfielen. Aber ach, es gibt doch auch einiges zu bemängeln.
So stellt sich spätestens, wenn Fräulein Stone mit tränenerstickter Stimme von der schlimmen Tragödie in ihrem Leben erzählt, ein gewisses "Och nö"-Gefühl ein, und man ahnt bereits, das wird nicht das letzte Mal im Laufe des Abends gewesen sein. Hier macht Cuarón Zugeständnisse an gängige Hollywood-Konventionen, denen zufolge offenbar jeder Protagonist irgendein Trauma erlebt haben muss. Die Frage ist nur: warum? Diese aufgesetzten Momente sollen berühren, wirken aber nur arg holprig-schnulzig und bisweilen gar unfreiwillig komisch, etwa wenn Stone einen bekloppten grönländischen Hobbyfunker bittet, er solle doch für sie beten, denn sie selbst habe das nie gelernt (inklusive schwerelos über die Leinwand wabernder Tränen).
Muss das denn sein? So ein Kitsch schadet nur der Glaubwürdigkeit des Films. Die Tragweite der Geschichte hätte auch so ausgereicht.
Letztendlich liegt der Grund für meine Enttäuschung aber wahrscheinlich bei mir: ich kam in der Erwartung eines psychologisch intensiven Kammerspiels, ich bekam nach den ersten zwanzig Minuten knalliges Popcorn-Kino mit Thrill-Garantie. Daran ist zunächst nichts auszusetzen, aber es ist auch nicht so revolutionär, wie man ob der allgemeinen Begeisterung meinen könnte. Weltraumdramas gab's schon früher, wenn auch keine so nett anzusehenden. Aber die Story hält die Spannung tatsächlich konstant hoch, auch wenn so viele unglückliche Zufälle, wie sie Dr. Stone widerfahren, fast schon wieder zum Lachen anregen.
Dennoch: an vielen Stellen wirkt der Film oberflächlich, seltsam hohl, irgendwie unfertig. Und hat in dieser Hinsicht Einiges mit dem Weltall selbst gemein: das ist auch recht hübsch, aber anfangen kann man damit wenig.
Von mir gibt es aufgrund der tatsächlich überwältigenden Optik und der - objektiv betrachtet - allgemein souveränen Ausführung 7 von 10 Punkten.
Freitag, 24. Mai 2013
Alle auf den Hipster
Um ihrer Freundin Mia beim kalten Drogenenzug zu helfen, quartieren sich die Freunde Eric, Olivia, David (Mias Bruder) und seine Freundin Natalie mitsamt besagter Patientin und ihrem Schäferhund in einer Waldhütte ein. Zwischen Mia und ihrem Bruder herrscht dicke Luft, seit ihre Mutter in einer geschlossenen Anstalt gestorben ist und David sich nicht um sie gekümmert hat. Apropos dicke Luft: weil es in dem Haus nach Aas stinkt, steigen die Männer in den Keller hinunter. Dort entdecken sie Furchtbares: verwesende Tierkadaver hängen von der Decke, und auf einem Tisch liegen eine Schrotflinte und ein mysteriöses Buch namens "Naturom Demonto". Darin findet Eric - mit Vollbart, Holzfällerhemd und Pädo-Brille eindeutig der hipste in der Gruppe - verschiedene satanische Zeichnungen, seltsame Runen und mehrere Warnungen, nicht laut aus dem Buch zu lesen.
Und was tut er? Er liest laut aus dem Buch.
Soweit die grundlegende Handlung zu Fede Alvarez' Interpretation des Horror-Klassikers "Tanz der Teufel" (englischer Titel: "The Evil Dead") von 1981, der damals sämtliche Grenzen überschritt und in Deutschland bis heute beschlagnahmt ist. Sam Raimi, der Regisseur des Originals und Produzent des Remakes, wurde später übrigens mit Filmen wie der Spiderman-Trilogie, "Drag me to hell" oder "Schneller als der Tod" bekannt, ist also kein ganz unbeschriebenes Blatt. Ebenfalls kein ganz unbeschriebenes Blatt ist Bruce Campbell - Co-Produzent gemeinsam mit Rob Tapert - der 1981 mit seiner Hauptrolle als Ash Williams seinen Kultstatus unter B-Movie-Fans begründete und heute vor allem als Sam in "Burn Notice" in Erscheinung tritt.
Der größte Unterschied zum Original ist neben der etwas anderen Handlung die allgemeine Stimmung: während sich "Tanz der Teufel" abseits des ganzen Gemetzels durch einen absurden Humor auszeichnet, der so typisch für Bruce Campbell ist, fehlt dieser im Remake völlig. Hier gibt es nur staubtrockenen und knüppelharten Splatter ohne ein Fünkchen Witz. Das ist zwar weder besonders gruselig noch spannend, bezieht seine Faszination aber durch die dichte Atmosphäre (ganz altmodisch erschaffen durch strömenden Regen, dunkle Keller und eine staubige Holzhütte), das ziemlich coole Böse und - man kann es nicht abstreiten - die heftige Gewaltdarstellung. Dabei trifft es den armen Eric am schlimmsten, aber der hat den ganzen Schlamassel ja schließlich auch erst ausgelöst. Trotzdem kann er einem ob der vielen unschönen Dinge, die ihm widerfahren, schon mal leidtun. Bei einigen Szenen dürften auch hartgesottene Gorehounds nur mit einem Auge hinsehen können - ein mit Wucht geschwungenes Brecheisen und menschliche Finger vertragen sich beispielsweise ganz schlecht. Das ungekürzte Original darf in Deutschland nach wie vor nicht verkauft werden, das Remake kam mit minimalen Zensuren mit einer Freigabe ab 18 davon - so ändern sich die Zeiten.
Sehr erfreulich: es wurde gänzlich auf CGI verzichtet, und das ist gut so! Allzu oft werden Filme durch miserable computergenerierte Effekte ins Lächerliche gezogen, wie letztens auch "Mama" (der allerdings auch andere Probleme hat). Ebenfalls schön: anstatt alle zwei Minuten auf Schockeffekte zu setzen, wird mehr Wert auf Atmosphäre gelegt. Richtig unheimlich wird es zwar trotzdem nicht, aber das ist eher der Tatsache geschuldet, dass wir das Böse allzu oft zu Gesicht bekommen, und wirklich erschreckend sieht das auch nicht aus. Klar gibt es auch die üblichen Jumpscares, aber die sind meistens gut getimt, wenn auch etwas vorhersehbar. Am schlimmsten sind tatsächlich die zahllosen ekligen Dinge, die die Dämonen sich selbst oder anderen zufügen. Das war aber bei "Tanz der Teufel" auch nicht viel anders.
Die Schauspieler sind in Ordnung, vor allem Jane Levy als Mia macht ihre Sache gut. Wenn man einen starken Magen hat und mit der Brutalität zurecht kommt, ist der Film absolut empfehlenswert. Von mir gibt es jedenfalls 8 / 10 Punkten.
Und was tut er? Er liest laut aus dem Buch.
Soweit die grundlegende Handlung zu Fede Alvarez' Interpretation des Horror-Klassikers "Tanz der Teufel" (englischer Titel: "The Evil Dead") von 1981, der damals sämtliche Grenzen überschritt und in Deutschland bis heute beschlagnahmt ist. Sam Raimi, der Regisseur des Originals und Produzent des Remakes, wurde später übrigens mit Filmen wie der Spiderman-Trilogie, "Drag me to hell" oder "Schneller als der Tod" bekannt, ist also kein ganz unbeschriebenes Blatt. Ebenfalls kein ganz unbeschriebenes Blatt ist Bruce Campbell - Co-Produzent gemeinsam mit Rob Tapert - der 1981 mit seiner Hauptrolle als Ash Williams seinen Kultstatus unter B-Movie-Fans begründete und heute vor allem als Sam in "Burn Notice" in Erscheinung tritt.
Der größte Unterschied zum Original ist neben der etwas anderen Handlung die allgemeine Stimmung: während sich "Tanz der Teufel" abseits des ganzen Gemetzels durch einen absurden Humor auszeichnet, der so typisch für Bruce Campbell ist, fehlt dieser im Remake völlig. Hier gibt es nur staubtrockenen und knüppelharten Splatter ohne ein Fünkchen Witz. Das ist zwar weder besonders gruselig noch spannend, bezieht seine Faszination aber durch die dichte Atmosphäre (ganz altmodisch erschaffen durch strömenden Regen, dunkle Keller und eine staubige Holzhütte), das ziemlich coole Böse und - man kann es nicht abstreiten - die heftige Gewaltdarstellung. Dabei trifft es den armen Eric am schlimmsten, aber der hat den ganzen Schlamassel ja schließlich auch erst ausgelöst. Trotzdem kann er einem ob der vielen unschönen Dinge, die ihm widerfahren, schon mal leidtun. Bei einigen Szenen dürften auch hartgesottene Gorehounds nur mit einem Auge hinsehen können - ein mit Wucht geschwungenes Brecheisen und menschliche Finger vertragen sich beispielsweise ganz schlecht. Das ungekürzte Original darf in Deutschland nach wie vor nicht verkauft werden, das Remake kam mit minimalen Zensuren mit einer Freigabe ab 18 davon - so ändern sich die Zeiten.
Sehr erfreulich: es wurde gänzlich auf CGI verzichtet, und das ist gut so! Allzu oft werden Filme durch miserable computergenerierte Effekte ins Lächerliche gezogen, wie letztens auch "Mama" (der allerdings auch andere Probleme hat). Ebenfalls schön: anstatt alle zwei Minuten auf Schockeffekte zu setzen, wird mehr Wert auf Atmosphäre gelegt. Richtig unheimlich wird es zwar trotzdem nicht, aber das ist eher der Tatsache geschuldet, dass wir das Böse allzu oft zu Gesicht bekommen, und wirklich erschreckend sieht das auch nicht aus. Klar gibt es auch die üblichen Jumpscares, aber die sind meistens gut getimt, wenn auch etwas vorhersehbar. Am schlimmsten sind tatsächlich die zahllosen ekligen Dinge, die die Dämonen sich selbst oder anderen zufügen. Das war aber bei "Tanz der Teufel" auch nicht viel anders.
Die Schauspieler sind in Ordnung, vor allem Jane Levy als Mia macht ihre Sache gut. Wenn man einen starken Magen hat und mit der Brutalität zurecht kommt, ist der Film absolut empfehlenswert. Von mir gibt es jedenfalls 8 / 10 Punkten.
Donnerstag, 9. Mai 2013
Alles Gute zum Muttertag!
Nach einer fünfjährigen Suche nach seinem verschollenen Bruder und dessen zwei Töchtern Victoria und Lilly wird Lucas Desange (gespielt von Nikolai Coster-Waldau; viel zu gut aussehend, um sympathisch zu sein) fündig: in einer Holzhütte im Wald entdeckt man die beiden völlig verwilderten Kinder, die sich wie Tiere bewegen und mit Fauchen und Knurren zu verteidigen versuchen. Dr. Gerald Dreyfuss, ein Psychologe, beschäftigt sich mit dem Fall und erfährt in seinen Sitzungen von "Mama": ein Wesen, das sich in der Abgeschiedenheit um die Schwestern gekümmert hat.
Lucas und seine punkrockende Lebensgefährtin Annabelle (Jessica Chastain) nehmen die Kinder bei sich auf - aber "Mama" ist ziemlich eifersüchtig.
Das also ist - grob umrissen - der Plot von Andrés Muschiettis erstem abendfüllendem Spielfilm mit dem sinnigen Titel "Mama". Der Kurzfilm, auf dem diese Fassung basiert, erschien 2008 und begeisterte die richtigen Leute - in diesem Fall Horror-Guru Guillermo del Toro, der als Produzent fungierte und das Budget von knapp 15 Millionen Euro ermöglichte.
Das größte Problem gleich zuerst: hier ist nicht viel mit subtilem Grusel - wenn die Musik anschwillt und irgendetwas Seltsames passiert, kann man zu hundert Prozent damit rechnen, dass gleich jemand aus den Schatten und vorzugsweise auf die Kamera zuspringt. Dadurch erleidet der Zuschauer zwar viele kleine Herzattacken, aber wirklich durchgängige Spannung und Atmosphäre, wie sie z.B. "Blair Witch Project" oder "Die Frau in Schwarz" erschaffen, will nicht so recht aufkommen, Muschietti jagt das Publikum von einem Jumpscare zum nächsten. Dabei sei ihm zugute gehalten, dass diese teilweise wirklich markerschütternd ausfallen und manchmal sogar an den Schock-König "The Ring" erinnern, aber auch das täuscht nicht darüber hinweg, dass es letztlich doch nur ein billiger Trick ist, umso mehr, da die CGI-Effekte bestenfalls passabel sind.
Dabei hat der Film sonst vieles, was für ihn spricht: die Schauspieler sind in Ordnung (Jessica Chastain ist als Goth zwar gewöhnungsbedürftig, aber doch überzeugend), und die Kamerafahrten sind der Stoff, aus dem Albträume sind. Eine Handvoll Szenen stechen aus den üblichen Horrorklischees hervor und zeugen von Brillanz. "Mama" ist hübsch hässlich und verbiegt sich in Richtungen, in die sich nicht einmal ein Geist verbiegen sollte, und die gurgelnden Geräusche, die sie von sich gibt, gehen gar nicht. Am Antagonisten liegt es also nicht, dass der Film letztendlich doch nur Durchschnitt ist.
Vielmehr ist es das oben beschriebene Problem: Schocks ja, Spannung nein. Das fast ein wenig rührselige Ende wirkt nach der in allen Belangen geradezu dämonischen Darstellung "Mamas" doch ein bisschen aufgesetzt. Und natürlich ist es das alte Spiel: die Charaktere verhalten sich mal wieder dümmer, als die Polizei erlaubt: Die beiden unheimlichen Mädchen, die ich gerade adoptiert habe, singen ein gruseliges Schlaflied im Duett mit einer tiefen Frauenstimme? Da sehe ich doch besser gleich nach! Eine verzerrte Silhouette sagt mir, ich solle im Wald nach Antworten suchen? Na, es ist zwar gerade mitten in der Nacht, aber ich bin schon so gut wie weg.
Ein echter Lichtblick sind die beiden jungen Schauspielerinnen Megan Charpentier und Isabelle Nélisse, die die Schwestern Victoria und Lilly spielen und die besten Momente auf ihrer Seite haben. Aber am Ende bleibt das Fazit: einiges gut gemacht, einiges schlecht gemacht, einiges an Potenzial verschenkt.
Dafür gibt es 5 / 10 Punkten.
Lucas und seine punkrockende Lebensgefährtin Annabelle (Jessica Chastain) nehmen die Kinder bei sich auf - aber "Mama" ist ziemlich eifersüchtig.
Das also ist - grob umrissen - der Plot von Andrés Muschiettis erstem abendfüllendem Spielfilm mit dem sinnigen Titel "Mama". Der Kurzfilm, auf dem diese Fassung basiert, erschien 2008 und begeisterte die richtigen Leute - in diesem Fall Horror-Guru Guillermo del Toro, der als Produzent fungierte und das Budget von knapp 15 Millionen Euro ermöglichte.
Das größte Problem gleich zuerst: hier ist nicht viel mit subtilem Grusel - wenn die Musik anschwillt und irgendetwas Seltsames passiert, kann man zu hundert Prozent damit rechnen, dass gleich jemand aus den Schatten und vorzugsweise auf die Kamera zuspringt. Dadurch erleidet der Zuschauer zwar viele kleine Herzattacken, aber wirklich durchgängige Spannung und Atmosphäre, wie sie z.B. "Blair Witch Project" oder "Die Frau in Schwarz" erschaffen, will nicht so recht aufkommen, Muschietti jagt das Publikum von einem Jumpscare zum nächsten. Dabei sei ihm zugute gehalten, dass diese teilweise wirklich markerschütternd ausfallen und manchmal sogar an den Schock-König "The Ring" erinnern, aber auch das täuscht nicht darüber hinweg, dass es letztlich doch nur ein billiger Trick ist, umso mehr, da die CGI-Effekte bestenfalls passabel sind.
Dabei hat der Film sonst vieles, was für ihn spricht: die Schauspieler sind in Ordnung (Jessica Chastain ist als Goth zwar gewöhnungsbedürftig, aber doch überzeugend), und die Kamerafahrten sind der Stoff, aus dem Albträume sind. Eine Handvoll Szenen stechen aus den üblichen Horrorklischees hervor und zeugen von Brillanz. "Mama" ist hübsch hässlich und verbiegt sich in Richtungen, in die sich nicht einmal ein Geist verbiegen sollte, und die gurgelnden Geräusche, die sie von sich gibt, gehen gar nicht. Am Antagonisten liegt es also nicht, dass der Film letztendlich doch nur Durchschnitt ist.
Vielmehr ist es das oben beschriebene Problem: Schocks ja, Spannung nein. Das fast ein wenig rührselige Ende wirkt nach der in allen Belangen geradezu dämonischen Darstellung "Mamas" doch ein bisschen aufgesetzt. Und natürlich ist es das alte Spiel: die Charaktere verhalten sich mal wieder dümmer, als die Polizei erlaubt: Die beiden unheimlichen Mädchen, die ich gerade adoptiert habe, singen ein gruseliges Schlaflied im Duett mit einer tiefen Frauenstimme? Da sehe ich doch besser gleich nach! Eine verzerrte Silhouette sagt mir, ich solle im Wald nach Antworten suchen? Na, es ist zwar gerade mitten in der Nacht, aber ich bin schon so gut wie weg.
Ein echter Lichtblick sind die beiden jungen Schauspielerinnen Megan Charpentier und Isabelle Nélisse, die die Schwestern Victoria und Lilly spielen und die besten Momente auf ihrer Seite haben. Aber am Ende bleibt das Fazit: einiges gut gemacht, einiges schlecht gemacht, einiges an Potenzial verschenkt.
Dafür gibt es 5 / 10 Punkten.
Montag, 11. März 2013
Zwischen Scheiterhaufen und Gatling Gun
Es war einmal, vor vielen, vielen Jahren im kleinen Städtchen Augsburg, da lebten zwei Geschwister namens Hänsel und Gretel. Eines Tages wurden sie von ihrem Vater in den Wald geführt und zurückgelassen. Als sie so umherirrten, kamen sie zu einem Haus, das bestand ganz aus Lebkuchen. Aber ach, als sie hineingingen, da wurden sie von der bösen Hexe eingefangen, die dort lebte, und eingeschlossen. Fortan wurde Hänsel gemästet, um später gebraten und aufgegessen zu werden. Eines Tages jedoch gelang es ihnen, sich zu befreien und die Hexe in den Ofen zu stoßen, wo sie elendig verbrannte.
Seitdem verdienen die beiden ihr Geld mit der Jagd auf Hexen.
Was?
Das möchte uns zumindest Tommy Wirkola weismachen, der mit seinem Film "Hänsel und Gretel: Hexenjäger" das wohl berühmteste aller Märchen sehr frei weiterspinnt und aus den zwei Kindern abgebrühte Auftragsmörder macht: who you gonna call, wenn dein Dorf Probleme mit Hexen hat? Mit denen machen die Geschwister kurzen Prozess und befördern sie auf meist ausgesprochen blutige Art und Weise ins Jenseits.
Eines Tages nun werden sie von Augsburgs Bürgermeister gerufen: immer wieder werden Kinder entführt, und die sollen sie möglichst lebend zurückbringen. Diese Konkurrenz kommt dem finsteren Amtsrichter gar nicht recht: er schickt auf eigene Faust einige Männer in den Wald, von denen aber nur einer zurückkommt. Als der jedoch im Wirtshaus explodiert, denken sich Hänsel und Gretel zurecht: da stimmt doch was nicht!, und decken nach und nach die Hintergründe zu den Entführungen auf. Dabei stolpern sie über die Oberhexe Muriel - ihre bislang mächtigste Gegnerin, deren üblen Plan es nun zu verhindern gilt.
So. Das war's. Mehr Geschichte gibt's nicht. Das ist auch gar nicht nötig, denn die Prämisse steht: daraus bastelt Wirkola ein kunterbuntes Splatterfest, bei dem man besser gar nicht erst nach Sinn und Zweck fragen sollte, man würde eh nur darüber verzweifeln. Mit Jeremy Renner, Gemma Arterton, Famke Janssen und Peter Stormare hervorragend besetzt, brennt der Film ein wahres Feuerwerk an Quatsch ab. Offensichtlich ist aber allen Beteiligten bewusst, dass sie hier groben Unfug gedreht haben, denn man nimmt sich selbst nie zu ernst, der Film strotzt nur so vor Selbstironie, schwarzem Humor und coolen One-Linern. So wird aus einer Spule und einem Metallzack ein Defibrillator improvisiert (auch als Taser einsetzbar), und Hänsel leidet aufgrund der ganzen Süßigkeiten, die er während seiner Gefangenschaft als Kind essen musste, an Diabetes.
Der Gipfel der Lächerlichkeit - und darüber komme ich einfach nicht hinweg - ist aber ein Troll namens Eduard, der mit seinen treudoofen Augen direkt der "unendlichen Geschichte" entsprungen zu sein scheint, und in dem ganzen Gemetzel dermaßen deplatziert ist, dass man nur noch ungläubig den Kopf schütteln kann.
Was den Film rettet, ist letztendlich tatsächlich genau das: er ist so over the top, so gewollt übertrieben, so trashig, dass er schon wieder nur noch cool ist. Achja, und Gemma Artertons knappes Outfit natürlich.
Die Effekte sind, nun ja, ordentlich, was dagegen störend auffällt, sind die extrem hektischen Schnitte bei den Kampfszenen, aber das ist ja ein altbekanntes Problem.
Sehr schön: der völlig überzogene Gewaltgrad. Zurückhaltung an dieser Stelle wäre bei einem solchen Slasher komplett fehl am Platz gewesen. Hier spritzen Blut, Körperteile und Fleischfetzen nur so durch die Gegend, und das ist gut so. Umso erstaunlicher (und offen gesagt unverständlich), dass die FSK eine Freigabe ab 16 erteilt hat. Hier hätte man auch eine 18er ziehen können.
Alles in allem ist "Hänsel und Gretel: Hexenjäger" genau das, was ich erwartet hatte: kurzweilig-trashige Unterhaltung, die einfach Spaß macht. Dass man schon eine sehr hohe Toleranz für Unsinn besitzen muss - geschenkt.
Dafür gibt es von meiner Seite 7 von 10 Punkten.
Seitdem verdienen die beiden ihr Geld mit der Jagd auf Hexen.
Was?
Das möchte uns zumindest Tommy Wirkola weismachen, der mit seinem Film "Hänsel und Gretel: Hexenjäger" das wohl berühmteste aller Märchen sehr frei weiterspinnt und aus den zwei Kindern abgebrühte Auftragsmörder macht: who you gonna call, wenn dein Dorf Probleme mit Hexen hat? Mit denen machen die Geschwister kurzen Prozess und befördern sie auf meist ausgesprochen blutige Art und Weise ins Jenseits.
Eines Tages nun werden sie von Augsburgs Bürgermeister gerufen: immer wieder werden Kinder entführt, und die sollen sie möglichst lebend zurückbringen. Diese Konkurrenz kommt dem finsteren Amtsrichter gar nicht recht: er schickt auf eigene Faust einige Männer in den Wald, von denen aber nur einer zurückkommt. Als der jedoch im Wirtshaus explodiert, denken sich Hänsel und Gretel zurecht: da stimmt doch was nicht!, und decken nach und nach die Hintergründe zu den Entführungen auf. Dabei stolpern sie über die Oberhexe Muriel - ihre bislang mächtigste Gegnerin, deren üblen Plan es nun zu verhindern gilt.
So. Das war's. Mehr Geschichte gibt's nicht. Das ist auch gar nicht nötig, denn die Prämisse steht: daraus bastelt Wirkola ein kunterbuntes Splatterfest, bei dem man besser gar nicht erst nach Sinn und Zweck fragen sollte, man würde eh nur darüber verzweifeln. Mit Jeremy Renner, Gemma Arterton, Famke Janssen und Peter Stormare hervorragend besetzt, brennt der Film ein wahres Feuerwerk an Quatsch ab. Offensichtlich ist aber allen Beteiligten bewusst, dass sie hier groben Unfug gedreht haben, denn man nimmt sich selbst nie zu ernst, der Film strotzt nur so vor Selbstironie, schwarzem Humor und coolen One-Linern. So wird aus einer Spule und einem Metallzack ein Defibrillator improvisiert (auch als Taser einsetzbar), und Hänsel leidet aufgrund der ganzen Süßigkeiten, die er während seiner Gefangenschaft als Kind essen musste, an Diabetes.
Der Gipfel der Lächerlichkeit - und darüber komme ich einfach nicht hinweg - ist aber ein Troll namens Eduard, der mit seinen treudoofen Augen direkt der "unendlichen Geschichte" entsprungen zu sein scheint, und in dem ganzen Gemetzel dermaßen deplatziert ist, dass man nur noch ungläubig den Kopf schütteln kann.
Was den Film rettet, ist letztendlich tatsächlich genau das: er ist so over the top, so gewollt übertrieben, so trashig, dass er schon wieder nur noch cool ist. Achja, und Gemma Artertons knappes Outfit natürlich.
Die Effekte sind, nun ja, ordentlich, was dagegen störend auffällt, sind die extrem hektischen Schnitte bei den Kampfszenen, aber das ist ja ein altbekanntes Problem.
Sehr schön: der völlig überzogene Gewaltgrad. Zurückhaltung an dieser Stelle wäre bei einem solchen Slasher komplett fehl am Platz gewesen. Hier spritzen Blut, Körperteile und Fleischfetzen nur so durch die Gegend, und das ist gut so. Umso erstaunlicher (und offen gesagt unverständlich), dass die FSK eine Freigabe ab 16 erteilt hat. Hier hätte man auch eine 18er ziehen können.
Alles in allem ist "Hänsel und Gretel: Hexenjäger" genau das, was ich erwartet hatte: kurzweilig-trashige Unterhaltung, die einfach Spaß macht. Dass man schon eine sehr hohe Toleranz für Unsinn besitzen muss - geschenkt.
Dafür gibt es von meiner Seite 7 von 10 Punkten.
Mittwoch, 12. Dezember 2012
Der literarische Mittwoch - feat. Percy Bysshe Shelley
Percy Bysshe Shelley - Ozymandias
I met a traveller from an antique land
Who said: — Two vast and trunkless legs of stone
Stand in the desert... Near them, on the sand,
Half sunk, a shattered visage lies, whose frown,
And wrinkled lip, and sneer of cold command,
Tell that its sculptor well those passions read
Which yet survive, stamped on these lifeless things,
The hand that mocked them, and the heart that fed:
And on the pedestal these words appear:
‚My name is Ozymandias, king of kings:
Look on my works, ye Mighty, and despair!‘
Nothing beside remains. Round the decay
Of that colossal wreck, boundless and bare
The lone and level sands stretch far away.
Thema dieses Sonettes von 1817 ist einerseits die Vergänglichkeit alles Irdischen und andererseits die Selbstüberschätzung und Überheblichkeit, mit der wir die Bedeutung unserer Taten betrachten. So wie Ozymandias (abgeleitet von Ramses) in seiner Arroganz glaubt, er müsse der mächtigste Herrscher der Welt sein, während um sein zerfallenes Denkmal herum nur noch Wüste ist, werde es früher oder später allen ergehen, die ähnlich denken, so Shelleys Botschaft.
In der jüngeren Popkultur ist der Name "Ozymandias" wohl am ehesten als das wundervoll passende Alias eines der "Watchmen" bekannt.
I met a traveller from an antique land
Who said: — Two vast and trunkless legs of stone
Stand in the desert... Near them, on the sand,
Half sunk, a shattered visage lies, whose frown,
And wrinkled lip, and sneer of cold command,
Tell that its sculptor well those passions read
Which yet survive, stamped on these lifeless things,
The hand that mocked them, and the heart that fed:
And on the pedestal these words appear:
‚My name is Ozymandias, king of kings:
Look on my works, ye Mighty, and despair!‘
Nothing beside remains. Round the decay
Of that colossal wreck, boundless and bare
The lone and level sands stretch far away.
Thema dieses Sonettes von 1817 ist einerseits die Vergänglichkeit alles Irdischen und andererseits die Selbstüberschätzung und Überheblichkeit, mit der wir die Bedeutung unserer Taten betrachten. So wie Ozymandias (abgeleitet von Ramses) in seiner Arroganz glaubt, er müsse der mächtigste Herrscher der Welt sein, während um sein zerfallenes Denkmal herum nur noch Wüste ist, werde es früher oder später allen ergehen, die ähnlich denken, so Shelleys Botschaft.
In der jüngeren Popkultur ist der Name "Ozymandias" wohl am ehesten als das wundervoll passende Alias eines der "Watchmen" bekannt.
Donnerstag, 29. November 2012
Filmreview: Into the Wild
Christopher McCandless hat eigentlich alles, was man sich nur wünschen kann: er ist gerade einmal 22 Jahre alt, sieht gut aus, ist aus reichem Hause und hat einen Abschluss in Geschichte und Anthropologie. Aber all diese Dinge besitzen für ihn keinen Wert: er ist ein romantischer Träumer, ein Poet, der sich ein Leben ohne materiellen Besitz wünscht und von der Arroganz der wohlsituierten Eltern angewidert ist. Und so macht er sich nach dem Studium auf eine zweijährige Reise durch die USA, die ihn erst in den Süden bis nach Mexiko und schließlich zurück in den Norden bis hinauf nach Alaska führt. All diese Zeit verbringt er als Obdachloser, jobbt mal hier, mal da, und ist zufrieden und glücklich mit den Eindrücken, die er gewinnt, und den Menschen, die er kennenlernt.
In der Wildnis Alaskas richtet er sich schließlich fernab jeglicher Zivilisation einigermaßen heimisch ein und versucht, seine Vorstellung vom auf das Nötigste reduzierten Leben zu verwirklichen - und mehr kann und soll hier nicht verraten werden.
Sean Penns Film hat vieles, was für ihn spricht.
Da wären zum einen die unglaublichen Landschaftsaufnahmen. Die Schönheit Alaskas kann einem schon mal den Atem rauben - das ist tatsächlich noch unberührte Natur in ihrer rauen, ursprünglichen Form.
Dann wären da die Schauspieler. Emile Hirsch (als Christopher McCandless) wird zwar wahrscheinlich auch mit 40 noch aussehen wie Muttis Liebling, erledigt seinen Job aber ordentlich, wenn auch nicht oscarreif. Die Nebenrollen sind prominent besetzt, u.a. mit Twilight-Starlet Kristen Stewart (die auch in diesem Film an Gesichtslähmung zu leiden scheint und die schwächste Vorstellung abliefert), William Hurt, Marcia Gay Harden, Catherine Keener, Vince Vaughn, Jena Malone und Hal Holbrook, der dem Film seine einzige Oscar-Nominierung als bester Nebendarsteller einbrachte. Außerdem ist da noch der v.a. aus Hangover bekannt Zach Galifianakis.
Ein weiterer, wichtiger Grund ist die fantastische Filmmusik Eddie Vedders, die unverständlicherweise nicht einmal für einen Oscar nominiert war. Eddie Vedder - Sänger und Gitarrist der legendären Grunge-Band Pearl Jam - zeigt, dass er auch ganz sanfte Töne anschlagen kann. So begleitet er sich meist selbst mit Banjo oder Mandoline, während seine schwermütige, tiefe Stimme die verträumte Atmosphäre des Films perfekt einfängt.
Aber es gibt natürlich auch das ein oder andere, was nicht ganz so gelungen ist.
So stellt man sich schon die Frage, ob es besonders intelligent oder ein Ausdruck freiheitlichen Denkens ist, wenn man nach Alaska auswandert, ohne ein Karte mitzunehmen, oder Wildpflanzen isst, ohne sich hundertprozentig über die genaue Art sicher zu sein. Das ist eher etwas bekloppt. Sean Penn lässt sich da doch arg von der zweifelsohne gewagten und auch sehr idealistischen Idee begeistern und glorifiziert seinen tragischen Helden dadurch etwas zu viel.
Außerdem verliert der Film vor lauter Begeisterung über die Großartigkeit seiner Bilder manchmal - aber nur manchmal - den Inhalt etwas aus den Augen und neigt gelegentlich etwas zum Kitsch.
Aber das ist Kritik auf hohem Niveau, die sich weiß Gott verschmerzen lässt. Alles in allem ist Into the Wild dennoch eine sehr gelungene und in dieser Form einzigartige Biographie eines Getriebenen, dem sein eigenes Streben letztendlich zum Verhängnis wird. Das ist schwerer Stoff, gefällig und unterhaltsam umgesetzt und allemal einen Blick wert.
Dafür gibt's 7 / 10 Punkten.
In der Wildnis Alaskas richtet er sich schließlich fernab jeglicher Zivilisation einigermaßen heimisch ein und versucht, seine Vorstellung vom auf das Nötigste reduzierten Leben zu verwirklichen - und mehr kann und soll hier nicht verraten werden.
Sean Penns Film hat vieles, was für ihn spricht.
Da wären zum einen die unglaublichen Landschaftsaufnahmen. Die Schönheit Alaskas kann einem schon mal den Atem rauben - das ist tatsächlich noch unberührte Natur in ihrer rauen, ursprünglichen Form.
Dann wären da die Schauspieler. Emile Hirsch (als Christopher McCandless) wird zwar wahrscheinlich auch mit 40 noch aussehen wie Muttis Liebling, erledigt seinen Job aber ordentlich, wenn auch nicht oscarreif. Die Nebenrollen sind prominent besetzt, u.a. mit Twilight-Starlet Kristen Stewart (die auch in diesem Film an Gesichtslähmung zu leiden scheint und die schwächste Vorstellung abliefert), William Hurt, Marcia Gay Harden, Catherine Keener, Vince Vaughn, Jena Malone und Hal Holbrook, der dem Film seine einzige Oscar-Nominierung als bester Nebendarsteller einbrachte. Außerdem ist da noch der v.a. aus Hangover bekannt Zach Galifianakis.
Ein weiterer, wichtiger Grund ist die fantastische Filmmusik Eddie Vedders, die unverständlicherweise nicht einmal für einen Oscar nominiert war. Eddie Vedder - Sänger und Gitarrist der legendären Grunge-Band Pearl Jam - zeigt, dass er auch ganz sanfte Töne anschlagen kann. So begleitet er sich meist selbst mit Banjo oder Mandoline, während seine schwermütige, tiefe Stimme die verträumte Atmosphäre des Films perfekt einfängt.
Aber es gibt natürlich auch das ein oder andere, was nicht ganz so gelungen ist.
So stellt man sich schon die Frage, ob es besonders intelligent oder ein Ausdruck freiheitlichen Denkens ist, wenn man nach Alaska auswandert, ohne ein Karte mitzunehmen, oder Wildpflanzen isst, ohne sich hundertprozentig über die genaue Art sicher zu sein. Das ist eher etwas bekloppt. Sean Penn lässt sich da doch arg von der zweifelsohne gewagten und auch sehr idealistischen Idee begeistern und glorifiziert seinen tragischen Helden dadurch etwas zu viel.
Außerdem verliert der Film vor lauter Begeisterung über die Großartigkeit seiner Bilder manchmal - aber nur manchmal - den Inhalt etwas aus den Augen und neigt gelegentlich etwas zum Kitsch.
Aber das ist Kritik auf hohem Niveau, die sich weiß Gott verschmerzen lässt. Alles in allem ist Into the Wild dennoch eine sehr gelungene und in dieser Form einzigartige Biographie eines Getriebenen, dem sein eigenes Streben letztendlich zum Verhängnis wird. Das ist schwerer Stoff, gefällig und unterhaltsam umgesetzt und allemal einen Blick wert.
Dafür gibt's 7 / 10 Punkten.
Der literarische Mittwoch - feat. Georg Heym
Nachdem der literarische Mittwoch jetzt gleich zwei mal ausgefallen ist, gibt es heute ein kleines Double Feature: erst das übliche Gedicht, dann eine Filmreview. Aber bleiben wir erst mal bei der Lyrik:
Georg Heym - Resignation
Georg Heym - Resignation
Hoch ragt der Neubau in
den Abendwind
Der sacht vom
Flusse kommt gezogen.
Welle um Welle
vertauschet sind,
In die Dämmerung
fließen die Wogen.
Siehe, ein
Feuerlein blinkt in die Nacht
Und es drängt
sich von bleichen Gestalten
Von Fronden
gehetzt, vor der Arbeit verwacht,
Sahst du, wie die
Fäuste sich ballten.
Fern gen Süden
die Schwäne sich reihn,
Wellen nach, Wogen
nach sind sie verschwunden.
Sie fliegen zur
Freiheit zum Sonnenschein.
Ach, uns sind ja
die Hände gebunden.
Dieses Gedicht verfasste der damals 16-jährige Heym 1904, und schon hier zeigt sich der enorme Einfluss, den er auf den deutschen Expressionismus haben sollte: die Stadt (repräsentiert durch den "Neubau") zerstört das Individuum durch Anonymität, Überforderung und Einsamkeit. An seine Stelle tritt eine gesichtslose Masse, und es gibt keine Hoffnung, sich dieser Entwicklung entgegenzusetzen.
Spätere Werke Heyms zeigen eine noch düsterere Weltanschauung, so z.B. sein vermutlich bekanntestes Gedicht "Der Krieg".
Heym stirbt 1912 24-jährig, als er einem beim Eislaufen verunglückten Freund - der Schriftsteller Ernst Balcke, der ebenfalls umkommt - helfen will und selbst einbricht.
Spätere Werke Heyms zeigen eine noch düsterere Weltanschauung, so z.B. sein vermutlich bekanntestes Gedicht "Der Krieg".
Heym stirbt 1912 24-jährig, als er einem beim Eislaufen verunglückten Freund - der Schriftsteller Ernst Balcke, der ebenfalls umkommt - helfen will und selbst einbricht.
Mittwoch, 7. November 2012
Der literarische Mittwoch - feat. Der von Kürenberg
Der von Kürenberg - Ich zôch mir einen valken
Ich zôch mir einen valken
mêre danne ein jâr.
Dô ich in gezamete als
ich in wolte hân
Und ich im sîn gevidere
mit golde wol bewant,
Er huop sich ûf vil hôhe
und fluog in anderiu lant.
Sît sach ich den valken
schône fliegen:
Er fuorte an sînem fuoze
sîdîne riemen,
Und was im sîn gevidere
alrôt guldîn.
Got sende si zesamene die
gerne geliep wellen sîn!
Über den Autor ist wenig bekannt, außer, dass er eben aus Kürenberg (heute u.U. anders geschrieben) stammte und im 12. Jahrhundert lebte.
Das oben stehende Gedicht ist aber eins der schönsten, die der Minnesang je hervorgebracht hat. Der Falke - ein gern verwendetes Symbol - steht hier für einen Menschen; die Vermutung liegt nahe - wenn man die vorherrschende Thematik der Minnelyrik betrachtet - dass das Werk aus der Perspektive einer Frau geschrieben wurde, deren Liebhaber sich nach über einem Jahr von ihr trennt. "Anderiu lant" bedeutet in der Falknersprache nämlich "fremde Reviere". In der Aussage "Er fuorte an sînem fuoze sîdîne riemen / Und was im sîn gevidere alrôt guldîn" schwingt die Hoffnung mit, dass der Mann - der, wie durch das Symbol des Schmuckes angedeutet, auch noch einen Teil seiner vorherigen Beziehung mit sich trägt - wieder zurückkehrt. Generell scheint es zwar eine wehmütige, aber auch wohlwollende Trennung zu sein ("Got sende si zesamene die gerne geliep wellen sîn!").
Sonntag, 4. November 2012
Musik: Twee-Pop
Hier mal einige Tipps für Leute, die sich für Twee-Pop begeistern können. Und für die, die sich vielleicht dafür begeistern könnten, wenn sie wüssten, was das ist: Twee-Pop zeichnet sich durch relativ einfache, fröhliche Melodien und ebensolche Texte aus. Das ist unbeschwerte, lockere Gute-Laune-Musik, die z.B. auch auf dem (großartigen) Soundtrack zum (noch großartigeren) Film Juno zum Einsatz kam.
Die unbestrittenen Könige dieses Genres sind natürlich Belle & Sebastian, auch wenn sie sich selbst immer gegen diese Kategorisierung gewehrt haben. Abstreiten kann man die musikalische Verwandtschaft aber nicht. Mit den letzten Alben wandten sie sich zwar einer etwas komplexeren Songstruktur zu, aber die früheren CDs nehmen eine Pionierrolle für die Stilrichtung ein.
Reinhören kann man sich mal mit:
Get me away from here, I'm dying
If you find yourself caught in love
I'm a cuckoo
Ebenfalls empfehlenswert sind die schwedischen Acid House Kings, die 1991 (also fünf Jahre vor Belle & Sebastian) gegründet wurden, aber nie die Bekanntheit der obigen erlangt haben. Mit großteils weiblichem Gesang:
Waterfall
Would you say stop?
Are we lovers or are we friends?
Zuletzt noch kurz die australischen Architecture in Helsinki, die etwas elektronischer zu Werke gehen als die beiden zuvor beschriebenen Bands:
Do the whirlwind
Maybe you can owe me
Hold Music
Die unbestrittenen Könige dieses Genres sind natürlich Belle & Sebastian, auch wenn sie sich selbst immer gegen diese Kategorisierung gewehrt haben. Abstreiten kann man die musikalische Verwandtschaft aber nicht. Mit den letzten Alben wandten sie sich zwar einer etwas komplexeren Songstruktur zu, aber die früheren CDs nehmen eine Pionierrolle für die Stilrichtung ein.
Reinhören kann man sich mal mit:
Get me away from here, I'm dying
If you find yourself caught in love
I'm a cuckoo
Ebenfalls empfehlenswert sind die schwedischen Acid House Kings, die 1991 (also fünf Jahre vor Belle & Sebastian) gegründet wurden, aber nie die Bekanntheit der obigen erlangt haben. Mit großteils weiblichem Gesang:
Waterfall
Would you say stop?
Are we lovers or are we friends?
Zuletzt noch kurz die australischen Architecture in Helsinki, die etwas elektronischer zu Werke gehen als die beiden zuvor beschriebenen Bands:
Do the whirlwind
Maybe you can owe me
Hold Music
Donnerstag, 25. Oktober 2012
Der literarische Mittwoch - feat. Edgar Allan Poe
Der literarische Mittwoch mal wieder am Donnerstag, aus Gründen. Und mal wieder mit Poe.
Edgar Allan Poe - Annabel Lee
Edgar Allan Poe - Annabel Lee
It
was many and many a year ago,
In a kingdom by the sea,
That a maiden there lived whom you may know
By the name of Annabel Lee;
And this maiden she lived with no other thought
Than to love and be loved by me.
I was a child and she was a child,
In this kingdom by the sea:
But we loved with a love that was more than love -
I and my Annabel Lee;
With a love that the winged seraphs of heaven
Coveted her and me.
And this was the reason that, long ago,
In this kingdom by the sea,
A wind blew out of a cloud, chilling
My beautiful Annabel Lee;
So that her high-born kinsmen came
And bore her away from me,
To shut her up in a sepulchre
In this kingdom by the sea.
The angels, not half so happy in heaven,
Went envying her and me -
Yes! that was the reason (as all men know,
In this kingdom by the sea)
That the wind came out of the cloud one night,
Chilling and killing my Annabel Lee.
But our love it was stronger by far than the love
Of those who were older than we -
Of many far wiser than we -
And neither the angels in heaven above,
Nor the demons down under the sea,
Can ever dissever my soul from the soul
Of the beautiful Annabel Lee;
For the moon never beams without bringing me dreams
Of the beautiful Annabel Lee;
And the stars never rise but I feel the bright eyes
Of the beautiful Annabel Lee;
And so, all the night-tide, I lie down by the side
Of my darling -my darling -my life and my bride,
In the sepulchre there by the sea -
In her tomb by the sounding sea.
In a kingdom by the sea,
That a maiden there lived whom you may know
By the name of Annabel Lee;
And this maiden she lived with no other thought
Than to love and be loved by me.
I was a child and she was a child,
In this kingdom by the sea:
But we loved with a love that was more than love -
I and my Annabel Lee;
With a love that the winged seraphs of heaven
Coveted her and me.
And this was the reason that, long ago,
In this kingdom by the sea,
A wind blew out of a cloud, chilling
My beautiful Annabel Lee;
So that her high-born kinsmen came
And bore her away from me,
To shut her up in a sepulchre
In this kingdom by the sea.
The angels, not half so happy in heaven,
Went envying her and me -
Yes! that was the reason (as all men know,
In this kingdom by the sea)
That the wind came out of the cloud one night,
Chilling and killing my Annabel Lee.
But our love it was stronger by far than the love
Of those who were older than we -
Of many far wiser than we -
And neither the angels in heaven above,
Nor the demons down under the sea,
Can ever dissever my soul from the soul
Of the beautiful Annabel Lee;
For the moon never beams without bringing me dreams
Of the beautiful Annabel Lee;
And the stars never rise but I feel the bright eyes
Of the beautiful Annabel Lee;
And so, all the night-tide, I lie down by the side
Of my darling -my darling -my life and my bride,
In the sepulchre there by the sea -
In her tomb by the sounding sea.
Zu Poe könnte ich nicht mehr viel sagen, ohne mich zu wiederholen - aber auch das obige Gedicht zeigt einfach, was für ein großer Lyriker er war. Abgesehen von der gewohnt düsteren Geschichte ist auch die sprachliche Brillanz beeindruckend.
Freitag, 19. Oktober 2012
Filmreview: Cube
Sechs Menschen erwachen eingeschlossen in
würfelartigen Räumen und versuchen schließlich, gemeinsam dem riesigen
Gebäude zu entfliehen. Dabei sind manche der Räume jedoch mit tödlichen
Fallen gespickt, und die Nummern an den Türen scheinen ein
mathematisches Geheimnis zu beinhalten - und das ist nicht das einzige Problem, denn auch unter den Gefangenen gibt es immer stärkere Spannungen.
Mehr Informationen braucht man eigentlich gar nicht, um a) zu wissen, worum es geht und b) zu merken, was für ein gewaltiges Potenzial in der Geschichte steckt. Cube hätte ein philosophisch angehauchter, nervenaufreibender Psychothriller werden können, dem stehen aber einerseits die unglaubwürdigen, gestelzten Dialoge und andererseits die großteils miserablen Schauspieler im Weg. Maurice Dean Wints "Ich bin grad echt sauer und kurz vorm Durchdrehen"-Blick lässt sich am ehesten mit der mimischen Wandlungsfähigkeit eines Steven Seagal vergleichen. Außerdem schafft es der Film nicht ganz, den psychischen Stress, die Panik, die nackte Angst der Eingeschlossenen rüberzubringen. Dazu ist vielleicht auch der abgedeckte Zeitraum zu kurz - wenn erstmal Hunger und Durst einsetzen, hätte das Geschehen noch sehr viel eindringlicher werden können.
Ein weiterer Störfaktor ist der selten dämliche "dramatische Höhepunkt" kurz vor Schluss, auch wenn die Schlussszene selbst wirklich passend ist.
Was der Film dagegen gut macht, ist, dass er uns weitestgehend im Unklaren über Sinn, Herkunft und Lage des Würfels lässt (was dann die Teile 2 und 3 allerdings ebenfalls niedergebügelt haben), ebenso wie wir nie erfahren, warum gerade diese Menschen "ausgewählt" wurden, wie sie dorthin gekommen sind und wer hinter dem ganzen Schlamassel steckt. Zu viele Informationen hätten den Cube seines größten Angstfaktors beraubt, nämlich der Ungewissheit, des Mysteriösen.
Fazit: nicht wirklich schlecht, aber es hätte so viel besser sein können. Die wirklich herausragende Story kann den Film nicht alleine tragen, und es gesellen sich mit der Zeit einfach immer mehr negative Aspekte und unfreiwillig komische Momente dazu. Da wäre viel mehr drin gewesen.
Mehr Informationen braucht man eigentlich gar nicht, um a) zu wissen, worum es geht und b) zu merken, was für ein gewaltiges Potenzial in der Geschichte steckt. Cube hätte ein philosophisch angehauchter, nervenaufreibender Psychothriller werden können, dem stehen aber einerseits die unglaubwürdigen, gestelzten Dialoge und andererseits die großteils miserablen Schauspieler im Weg. Maurice Dean Wints "Ich bin grad echt sauer und kurz vorm Durchdrehen"-Blick lässt sich am ehesten mit der mimischen Wandlungsfähigkeit eines Steven Seagal vergleichen. Außerdem schafft es der Film nicht ganz, den psychischen Stress, die Panik, die nackte Angst der Eingeschlossenen rüberzubringen. Dazu ist vielleicht auch der abgedeckte Zeitraum zu kurz - wenn erstmal Hunger und Durst einsetzen, hätte das Geschehen noch sehr viel eindringlicher werden können.
Ein weiterer Störfaktor ist der selten dämliche "dramatische Höhepunkt" kurz vor Schluss, auch wenn die Schlussszene selbst wirklich passend ist.
Was der Film dagegen gut macht, ist, dass er uns weitestgehend im Unklaren über Sinn, Herkunft und Lage des Würfels lässt (was dann die Teile 2 und 3 allerdings ebenfalls niedergebügelt haben), ebenso wie wir nie erfahren, warum gerade diese Menschen "ausgewählt" wurden, wie sie dorthin gekommen sind und wer hinter dem ganzen Schlamassel steckt. Zu viele Informationen hätten den Cube seines größten Angstfaktors beraubt, nämlich der Ungewissheit, des Mysteriösen.
Fazit: nicht wirklich schlecht, aber es hätte so viel besser sein können. Die wirklich herausragende Story kann den Film nicht alleine tragen, und es gesellen sich mit der Zeit einfach immer mehr negative Aspekte und unfreiwillig komische Momente dazu. Da wäre viel mehr drin gewesen.
Mittwoch, 17. Oktober 2012
Der literarische Mittwoch - feat. John Keats
John Keats - La belle dame sans merci
"O what can ail thee,
knight-at-arms,
Alone and palely
loitering?
The sedge has wither’d
from the lake,
And no birds sing.
O what can ail thee,
knight-at-arms!
So haggard and so
woe-begone?
The squirrel’s granary
is full,
And the harvest’s done.
I see a lily on thy brow
With anguish moist and
fever dew,
And on thy cheeks a fading
rose
Fast withereth too."
I met a lady in the
meads,
Full beautiful—a faery’s
child,
Her hair was long, her
foot was light,
And her eyes were wild.
I made a garland for her
head,
And bracelets too, and
fragrant zone;
She look’d at me as she
did love,
And made sweet moan.
I set her on my pacing
steed,
And nothing else saw all
day long,
For sidelong would she
bend, and sing
A faery’s song.
She found me roots of
relish sweet,
And honey wild, and manna
dew,
And sure in language
strange she said—
“I love thee true.”
She took me to her elfin
grot,
And there she wept, and
sigh’d fill sore,
And there I shut her wild
wild eyes
With kisses four.
And there she lulled me
asleep,
And there I dream’d—Ah!
woe betide!
The latest dream I ever
dream’d
On the cold hill’s
side.
I saw pale kings and
princes too,
Pale warriors, death-pale
were they all;
They cried—“La Belle
Dame sans Merci
Hath thee in thrall!”
I saw their starved lips
in the gloam,
With horrid warning gaped
wide,
And I awoke and found me
here,
On the cold hill’s
side.
And this is why I sojourn
here,
Alone and palely
loitering,
Though the sedge is
wither’d from the lake,
And no birds sing.
John Keats - 1795 in London geboren - hatte zeitlebens darunter zu leiden, dass seinen Gedichten nicht die Anerkennung entgegengebracht wurde, die sie verdient gehabt hätten. Das lag zunächst einmal daran, dass er als Sohn eines Stallmeisters von sozial niedriger Herkunft war und deshalb in den elitären Lyrikerkreisen nicht ernst genommen wurde. Dass das aus reiner Arroganz geschah, wird jeder bemerken, der einige Werke Keats' gelesen hat - seine anspruchsvolle Sprache und seine oft wirklich wunderschönen, fast zerbrechlichen Verse lassen keinen Zweifel daran, dass diese Ablehnung aus reiner Kränkung über die Tatsache, dass ein aus einfachen Verhältnissen stammender junger Mann auf mindestens dem selben Niveau schreiben konnte wie die reichen und gebildeten Adligen, geschah.
Thematisch beschäftigte Keats sich häufig mit Themen wie Schönheit und Vergänglichkeit - beides zu finden in obigem Gedicht.
Keats starb 1821 gerade einmal 25-jährig an Tuberkulose, die auch schon seine Mutter und seinen Bruder das Leben gekostet hatte.
Mittwoch, 10. Oktober 2012
Der literarische Mittwoch - feat. Edgar Allan Poe
Edgar Allan Poe - The Raven
Once upon a midnight
dreary, while I pondered weak and weary,
Over many a quaint and
curious volume of forgotten lore,
While I nodded, nearly
napping, suddenly there came a tapping,
As of some one gently
rapping, rapping at my chamber door.
`'Tis some visitor,' I
muttered, `tapping at my chamber door -
Only this, and nothing
more.'
Ah, distinctly I remember
it was in the bleak December,
And each separate dying
ember wrought its ghost upon the floor.
Eagerly I wished the
morrow; - vainly I had sought to borrow
From my books surcease of
sorrow - sorrow for the lost Lenore -
For the rare and radiant
maiden whom the angels named Lenore -
Nameless here for
evermore.
And the silken sad
uncertain rustling of each purple curtain
Thrilled me - filled me
with fantastic terrors never felt before;
So that now, to still the
beating of my heart, I stood repeating
`'Tis some visitor
entreating entrance at my chamber door -
Some late visitor
entreating entrance at my chamber door; -
This it is, and nothing
more,'
Presently my soul grew
stronger; hesitating then no longer,
`Sir,' said I, `or Madam,
truly your forgiveness I implore;
But the fact is I was
napping, and so gently you came rapping,
And so faintly you came
tapping, tapping at my chamber door,
That I scarce was sure I
heard you' - here I opened wide the door; -
Darkness there, and
nothing more.
Deep into that darkness
peering, long I stood there wondering, fearing,
Doubting, dreaming dreams
no mortal ever dared to dream before;
But the silence was
unbroken, and the darkness gave no token,
And the only word there
spoken was the whispered word, `Lenore!'
This I whispered, and an
echo murmured back the word, `Lenore!'
Merely this and nothing
more.
Back into the chamber
turning, all my soul within me burning,
Soon again I heard a
tapping somewhat louder than before.
`Surely,' said I, `surely
that is something at my window lattice;
Let me see then, what
thereat is, and this mystery explore -
Let my heart be still a
moment and this mystery explore; -
'Tis the wind and nothing
more!'
Open here I flung the
shutter, when, with many a flirt and flutter,
In there stepped a stately
raven of the saintly days of yore.
Not the least obeisance
made he; not a minute stopped or stayed he;
But, with mien of lord or
lady, perched above my chamber door -
Perched upon a bust of
Pallas just above my chamber door -
Perched, and sat, and
nothing more.
Then this ebony bird
beguiling my sad fancy into smiling,
By the grave and stern
decorum of the countenance it wore,
`Though thy crest be shorn
and shaven, thou,' I said, `art sure no craven.
Ghastly grim and ancient
raven wandering from the nightly shore -
Tell me what thy lordly
name is on the Night's Plutonian shore!'
Quoth the raven,
`Nevermore.'
Much I marvelled this
ungainly fowl to hear discourse so plainly,
Though its answer little
meaning - little relevancy bore;
For we cannot help
agreeing that no living human being
Ever yet was blessed with
seeing bird above his chamber door -
Bird or beast above the
sculptured bust above his chamber door,
With such name as
`Nevermore.'
But the raven, sitting
lonely on the placid bust, spoke only,
That one word, as if his
soul in that one word he did outpour.
Nothing further then he
uttered - not a feather then he fluttered -
Till I scarcely more than
muttered `Other friends have flown before -
On the morrow he will
leave me, as my hopes have flown before.'
Then the bird said,
`Nevermore.'
Startled at the stillness
broken by reply so aptly spoken,
`Doubtless,' said I, `what
it utters is its only stock and store,
Caught from some unhappy
master whom unmerciful disaster
Followed fast and followed
faster till his songs one burden bore -
Till the dirges of his
hope that melancholy burden bore
Of "Never-nevermore."'
But the raven still
beguiling all my sad soul into smiling,
Straight I wheeled a
cushioned seat in front of bird and bust and door;
Then, upon the velvet
sinking, I betook myself to linking
Fancy unto fancy, thinking
what this ominous bird of yore -
What this grim, ungainly,
ghastly, gaunt, and ominous bird of yore
Meant in croaking
`Nevermore.'
This I sat engaged in
guessing, but no syllable expressing
To the fowl whose fiery
eyes now burned into my bosom's core;
This and more I sat
divining, with my head at ease reclining
On the cushion's velvet
lining that the lamp-light gloated o'er,
But whose velvet violet
lining with the lamp-light gloating o'er,
She shall press, ah,
nevermore!
Then, methought, the air
grew denser, perfumed from an unseen censer
Swung by Seraphim whose
foot-falls tinkled on the tufted floor.
`Wretch,' I cried, `thy
God hath lent thee - by these angels he has sent thee
Respite - respite and
nepenthe from thy memories of Lenore!
Quaff, oh quaff this kind
nepenthe, and forget this lost Lenore!'
Quoth the raven,
`Nevermore.'
`Prophet!' said I, `thing
of evil! - prophet still, if bird or devil! -
Whether tempter sent, or
whether tempest tossed thee here ashore,
Desolate yet all
undaunted, on this desert land enchanted -
On this home by horror
haunted - tell me truly, I implore -
Is there - is there balm
in Gilead? - tell me - tell me, I implore!'
Quoth the raven,
`Nevermore.'
`Prophet!' said I, `thing
of evil! - prophet still, if bird or devil!
By that Heaven that bends
above us - by that God we both adore -
Tell this soul with sorrow
laden if, within the distant Aidenn,
It shall clasp a sainted
maiden whom the angels named Lenore -
Clasp a rare and radiant
maiden, whom the angels named Lenore?'
Quoth the raven,
`Nevermore.'
`Be that word our sign of
parting, bird or fiend!' I shrieked upstarting -
`Get thee back into the
tempest and the Night's Plutonian shore!
Leave no black plume as a
token of that lie thy soul hath spoken!
Leave my loneliness
unbroken! - quit the bust above my door!
Take thy beak from out my
heart, and take thy form from off my door!'
Quoth the raven,
`Nevermore.'
And the raven, never
flitting, still is sitting, still is sitting
On the pallid bust of
Pallas just above my chamber door;
And his eyes have all the
seeming of a demon's that is dreaming,
And the lamp-light o'er
him streaming throws his shadow on the floor;
And my soul from out that
shadow that lies floating on the floor
Shall be lifted -
nevermore!
Lang, aber das Lesen lohnt sich! Edgar Allan Poe (übrigens kein Brite, wie oft vermutet wird, sondern US-Amerikaner) hat es in gerade einmal 40 Lebensjahren geschafft, zu einem der bedeutendsten Dichter der Geschichte zu werden und hat wie wohl kein Zweiter die Genres Horror und Science-Fiction sowie Kriminalliteratur geprägt. Sein Einfluss auf die nachfolgende Lyrik ist unermesslich.
Wie man an seinen allgemein düsteren Werken erahnen kann, war Poe kein glücklicher Mensch, der zeitlebens mit Spiel- und Trinksucht und daraus folgenden Schulden zu kämpfen hatte. Sein Genie wurde erst nach seinem Tod erkannt, zuvor blieb ihm großer Ruhm - und Reichtum - versagt. Das lag daran, dass Poe in seiner Arbeit als Literaturkritiker es sich mit einigen einflussreichen Schriftstellern verdorben hatte, die als Rache Gerüchte über ihn verbreiteten und seinen Ruf schädigten.
Poe starb 1849 unter ungeklärten Umständen in Baltimore - nach einem bewegten, aber auch weitgehend gescheiterten Leben.
Donnerstag, 4. Oktober 2012
Der literarische Mittwoch - feat. Dylan Thomas
Der literarische Mittwoch - heute mal am Donnerstag.
Dylan Thomas - And death shall have no dominion
Dylan Thomas - And death shall have no dominion
And death shall have no
dominion.
Dead men naked they shall
be one
With the man in the wind
and the west moon;
When their bones are
picked clean and the clean bones gone,
They shall have stars at
elbow and foot;
Though they go mad they
shall be sane,
Though they sink through
the sea they shall rise again;
Though lovers be lost love
shall not;
And death shall have no
dominion.
And death shall have no
dominion.
Under the windings of the
sea
They lying long shall not
die windily;
Twisting on racks when
sinews give way,
Strapped to a wheel, yet
they shall not break;
Faith in their hands shall
snap in two,
And the unicorn evils run
them through;
Split all ends up they
shan't crack;
And death shall have no
dominion.
And death shall have no
dominion.
No more may gulls cry at
their ears
Or waves break loud on the
seashores;
Where blew a flower may a
flower no more
Lift its head to the blows
of the rain;
Though they be mad and
dead as nails,
Heads of the characters
hammer through daisies;
Break in the sun till the
sun breaks down,
And death shall have no
dominion.
Das lasse ich mal unkommentiert so stehen - ich finde, das hier ist eins dieser Gedichte, die durch zu viel Besprechen eher verlieren.
Montag, 1. Oktober 2012
Filmreview: Die Frau in Schwarz
Frühes 20. Jahrhundert. Der junge Anwalt
Arthur Kipps, dessen geliebte Frau bei der Geburt ihres gemeinsamen Sohnes starb,
nimmt aus Geldnöten einen unbeliebten Auftrag an, den ihm seine Kanzlei
zuschiebt. Er soll in das Küstenstädtchen Crythin Grifford reisen, um
den Nachlass der jüngst verstorbenen Alice Drablow zu regeln. Schon bei
seiner Ankunft verhalten sich die Dorfbewohner abweisend und
unfreundlich, und niemand will ihn zu Drablows Villa (die heimelig als "Eel Marsh House" bezeichnet wird, also "Aalsumpf-Haus")
bringen, in der sich wichtige Papiere befinden. Denn diese wird
angeblich von dem rachsüchtigen Geist der Schwester Drablows
heimgesucht.
Eines ist mal klar: Daniel Radcliffe sieht in dem Film fantastisch aus! Wie direkt der goldenen Ära des Gruselfilms entsprungen. Zwar ist er ein wenig zu jung, um einen verwitweten Familienvater zu spielen, aber er verleiht seiner Rolle dennoch Gewicht und Glaubwürdigkeit und überzeugt auf ganzer Linie.
Auch sonst hat Die Frau in Schwarz einiges zu bieten: hier wurde mit doch relativ simplen Mitteln (plötzliche Eruptionen der musikalischen Untermalung, zu Fratzen verzerrte Gesichter etc.) eine zum Schneiden dichte Atmosphäre geschaffen, was auch der üppigen Ausstattung und den Kostümen, die mit ihrer viktorianischen Schwere perfekt ins Setting passen, zu verdanken ist. Die subtile Spannung wird immer wieder durch wohlgesetzte und teils richtig fiese Schockmomente aufgelöst, um sofort wieder meisterlich von neuem aufgebaut zu werden. Generell ist der Film herrlich altbacken: hier zucken Blitze, hier flackern Schatten, hier wabert Nebel, hier wuchert Efeu auf verwitterten Steingebäuden, hier krächzen Raben über verfallenen Friedhöfen: das ist nicht unbedingt originell, aber effektiv und passt hervorragend zu der düster-stilvollen "Gothic Horror Novel"-Stimmung.
Vieles wird nur angedeutet, nur im Augenwinkel aus den dunklen Ecken der Villa erfasst, der Fantasie des Zuschauers überlassen. Das ist altmodisch im besten Sinne, klassischer "Haunted House"-Horror. Ebenfalls bemerkenswert: der Hauptcharakter macht tatsächlich eine Entwicklung durch, und der Film verzichtet auch nicht darauf, einen Grund für den ganzen Spuk zu liefern, der der ganzen Geschichte noch eine tragische Note hinzufügt. Schön! Das ist in diesem Genre leider nicht alltäglich, wo allzu oft viel Blut mit viel Spannung gleichgesetzt wird.
Dass dann mit der "Frau in Schwarz" auch noch einer der bekanntesten und ältesten Geister verwendet wird, ist wirklich das Tüpfelchen auf dem i - ganz zu schweigen davon, dass diese im Film selbst wirklich gut in Szene gesetzt ist.
Ich habe mich jedenfalls bestens unterhalten gefühlt, habe mich angenehm gegruselt und einige Male heftig erschrocken, und möchte diese in sich perfekt geschlossene Hommage an die Schauernovelle jedem ans Herz legen, der etwas für solche Bücher übrig hat oder auch einfach nur mal wieder einen intelligenten Horrorfilm sehen möchte.
Dafür gibt es glatt 9 / 10 Punkten!
Eines ist mal klar: Daniel Radcliffe sieht in dem Film fantastisch aus! Wie direkt der goldenen Ära des Gruselfilms entsprungen. Zwar ist er ein wenig zu jung, um einen verwitweten Familienvater zu spielen, aber er verleiht seiner Rolle dennoch Gewicht und Glaubwürdigkeit und überzeugt auf ganzer Linie.
Auch sonst hat Die Frau in Schwarz einiges zu bieten: hier wurde mit doch relativ simplen Mitteln (plötzliche Eruptionen der musikalischen Untermalung, zu Fratzen verzerrte Gesichter etc.) eine zum Schneiden dichte Atmosphäre geschaffen, was auch der üppigen Ausstattung und den Kostümen, die mit ihrer viktorianischen Schwere perfekt ins Setting passen, zu verdanken ist. Die subtile Spannung wird immer wieder durch wohlgesetzte und teils richtig fiese Schockmomente aufgelöst, um sofort wieder meisterlich von neuem aufgebaut zu werden. Generell ist der Film herrlich altbacken: hier zucken Blitze, hier flackern Schatten, hier wabert Nebel, hier wuchert Efeu auf verwitterten Steingebäuden, hier krächzen Raben über verfallenen Friedhöfen: das ist nicht unbedingt originell, aber effektiv und passt hervorragend zu der düster-stilvollen "Gothic Horror Novel"-Stimmung.
Vieles wird nur angedeutet, nur im Augenwinkel aus den dunklen Ecken der Villa erfasst, der Fantasie des Zuschauers überlassen. Das ist altmodisch im besten Sinne, klassischer "Haunted House"-Horror. Ebenfalls bemerkenswert: der Hauptcharakter macht tatsächlich eine Entwicklung durch, und der Film verzichtet auch nicht darauf, einen Grund für den ganzen Spuk zu liefern, der der ganzen Geschichte noch eine tragische Note hinzufügt. Schön! Das ist in diesem Genre leider nicht alltäglich, wo allzu oft viel Blut mit viel Spannung gleichgesetzt wird.
Dass dann mit der "Frau in Schwarz" auch noch einer der bekanntesten und ältesten Geister verwendet wird, ist wirklich das Tüpfelchen auf dem i - ganz zu schweigen davon, dass diese im Film selbst wirklich gut in Szene gesetzt ist.
Ich habe mich jedenfalls bestens unterhalten gefühlt, habe mich angenehm gegruselt und einige Male heftig erschrocken, und möchte diese in sich perfekt geschlossene Hommage an die Schauernovelle jedem ans Herz legen, der etwas für solche Bücher übrig hat oder auch einfach nur mal wieder einen intelligenten Horrorfilm sehen möchte.
Dafür gibt es glatt 9 / 10 Punkten!
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