Der zart besaitete Theodore Twombly ist kein glücklicher Mensch. Zwar arbeitet er als Autor persönlicher Briefe für eine Firma, die darauf spezialisiert ist, diese Aufgabe Menschen abzunehmen, die sie nicht adäquat erfüllen können oder wollen, aber so romantisch und intim er auch schreibt, privat geht es immer weiter bergab: seine Jugendliebe Catherine hat ihn verlassen und möchte die Scheidung, er zögert das Unterzeichnen der Papiere immer weiter hinaus und vereinsamt dabei zusehends. Als er eine Werbung für persönlich abgestimmte sogenannte Operating Systems sieht, schlägt er zu. Nach ein paar Fragen wird das exakt auf ihn zugeschnittene OS ermittelt. Sie gibt sich selbst den Namen Samantha. Theodore ist erstaunt über ihre schnelle Auffassungsgabe, Lernfähigkeit und starke Persönlichkeit, und schon bald sind sie mehr füreinander als gedacht.
Mit Joaquin Phoenix, der wie immer bezaubernden Amy Adams und Rooney Mara hochkarätig besetzt, landete Kino-Exzentriker Spike Jonze (Being John Malkovich) mit dieser pastellfarbenen Sci-Fi-Romanze aus der wohl nicht allzu fernen Zukunft einen Volltreffer: Kritiker und Publikum waren begeistert, Her wurde mit Preisen überhäuft, und zur Krönung gab es den Oscar für das beste Original-Drehbuch für Jonze, der die Idee für den Film hatte, nachdem er in den frühen 2000er Jahren einen Artikel über eine Art Vorläufer des vermutlich sattsam bekannten Cleverbot gelesen hatte.
Einer der größten Trümpfe seines Films ist Scarlett Johansson als körperlose OS Samantha. Sie haucht ihr Leben ein und lässt sie tatsächlich erst wie einen echten Menschen wirken. Sie hat Emotion, Schwung und Verve - und das alles ohne Gestik und Mimik, nur durch die Modulation ihrer Stimme. Aber auch Joaquin Phoenix weiß wie immer zu überzeugen und beweist, dass er über eine große schauspielerische Bandbreite verfügt: war er beispielsweise in Walk The Line noch ein angemessen wuchtiger Johnny Cash, ist sein Theodore Twombly ein verletzlicher, introvertierter Mensch, der nirgendwo richtig hinzupassen scheint und eher durch seine Briefe an anderer Leute Liebste zu existieren scheint als durch sein eigenes Selbst.
Wer Her lieben möchte, muss zunächst einmal zwei Kröten schlucken: zum einen heißt der Protagonist nun einmal Theodore Twombly. Also bitte.
Zum anderen ist es doch sehr unglaubwürdig, wie menschlich die neuen Operating Systems sein sollen. Die Technik, die im Film gezeigt wird, könnte in zehn Jahren problemlos funktionieren, aber einen derart anthropomorphen Computer gab es seit HAL 9000 nicht mehr. Samantha ist in jeder Hinsicht ein Mensch, sie besitzt nur keinen Körper. Auf dieses Konzept muss man sich einlassen können.
Man wird jedoch in mehrfacher Hinsicht belohnt, denn die Leistungen der Darsteller sind nicht der einzige Pluspunkt: ganz oberflächlich betrachtet ist Her zunächst einmal wunderschön komponiert. Die Bilder, die stille Musik im Hintergrund, die ganze Cinematographie, das alles ergibt einen stimmigen, melancholischen Gesamteindruck und macht unmissverständlich deutlich: Jonze ist ein Regisseur, der sein Handwerk versteht.
Aber auch die Geschichte reißt mit: sie schlägt Haken, eckt an, stellt wichtige Fragen und wirft interessante Probleme auf. Ihre Dramaturgie ist in vielerlei Hinsicht wie die einer konventionellen Romanze, nur eben mit einem Computer statt mit einer Person. Es berührt zu sehen, wie der sensible Theodore mit sich kämpft, seine guten und seine schwachen Momente, wie seine Umwelt auf seine neue Beziehung reagiert, und wie Samantha, je komplexer sie wird, immer mehr mit ihr fremden Empfindungen wie Eifersucht und Selbstzweifel umgehen muss.
Her ist vieles: die fast perfekte Symbiose aus Indie und Hollywood, mal komisch und mal traurig, mal derb und mal subtil, mal bitter und mal zuversichtlich, aber es ist immer feinfühlig, echt, und ein trefflicher Liebesfilm fürs 21. Jahrhundert.
Dafür gebe ich 9 von 10 Punkten.
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Mittwoch, 25. März 2015
Sonntag, 15. Dezember 2013
She likes to move it
Carrie White ist eine Außenseiterin: ihre hyperreligiöse Mutter hat immer schon ihr Bestes gegeben, um ihr Selbstvertrauen zu zerstören, und ihre Mitschülerinnen - allen voran die eiskalte Chris Hargensen - machen sich über sie lustig, weil sie altmodische Kleider trägt und kaum je ein Wort mit irgendjemandem spricht. Eines Tages bekommt Carrie in der Dusche nach dem Sportunterricht ihre erste Periode. Sie weiß nicht, was vorgeht, und fleht die anderen Mädchen panisch um Hilfe an - aber die lachen sie nur aus und bewerfen sie mit Tampons. In dieser Demütigung zeigt Carrie zum ersten Mal ihre telekinetischen Kräfte - die scheint sie aber nur zu besitzen, wenn sie wütend ist.
Eigentlich steht Kimberly Peirces Horrordrama schon mal prinzipiell unter einem schlechten Stern: es ist bereits die dritte Verfilmung von Stephen Kings Klassiker aus den 70ern, und Brian De Palmas Version mit der oscarnominierten Sissy Spacek in der Titelrolle gilt als eine der besten King-Adaptionen überhaupt. Insofern weiß man nicht so recht, wie man Peirces Film einordnen soll: ist es eine Neuinterpretation, ist es eine Hommage, oder kümmert er sich einfach gar nicht um seine Vorgänger und zieht sein eigenes Ding durch?
Schon im Vorfeld gab es die ein oder andere Kontroverse um die Besetzung der Hauptrolle, denn Chloe Grace Moretz - eine natürliche Schönheit - hätte in der Haut des hässlichen Entleins leicht deplatziert wirken können. Diese Hürde nimmt die aus Kick-Ass 1 & 2 bekannte Schauspielerin aber mit Bravour. Ihre Carrie ist so völlig hilflos und ausgeliefert, dass man gar nicht anders kann, als mit ihr zu leiden und sich ob ihres kurzzeitigen Triumphs mit ihr zu freuen. Sie macht Carries inneren Kampf mit sich selbst fühlbar. Wenn man Moretz irgendetwas würde anlasten wollen, dann, dass ihre teuflische Mimik im großen Finale doch ein bisschen gewollt und angestrengt rüberkommt. In den zahlreichen leisen Momenten des Films überzeugt sie restlos.
Über jeden Zweifel erhaben ist dagegen die große Julianne Moore, die als irre-fanatische Mutter mit Hang zur Selbstgeißelung eine wahrhaft beängstigende Figur abgibt. Ihre boshafte Rolle ist ein Highlight des Films und der Katalysator für Carries Wut.
Lobenswert zu erwähnen ist Marco Beltramis ätherischer Soundtrack, der dankenswerterweise auf den üblichen Schmonz verzichtet und die Show auch wirklich den Schauspielern überlässt.
Das Problem an dem Ganzen ist allerdings folgendes: wenn man ins Kino geht, um einen Horrorfilm zu sehen, bei dem man sich erschreckt, sich gruselt, vielleicht sogar fürchtet, dann ist man mit Carrie schlecht beraten. Zu drei Vierteln ist der Film ein Teeniedrama über Mobbing. Das ist schön und richtig und vor allem hervorragend und anrührend gemacht, aber die Relation stimmt nicht: das naja-auch-nicht-so-große Horrorfinale dauert vielleicht eine Viertelstunde und ist weder besonders schockig noch spannend noch unheimlich. Vielleicht wurde hier zu sehr auf eine niedrigere Freigabe spekuliert, vielleicht wollte sich Peirce eher auf alles Vorhergehende fokussieren, jedenfalls wäre ein deutlich düstereres und fieseres Ende ein Segen gewesen. Man erwartet einfach etwas anderes: zumindest bei Kenntnis der Vorlage (oder einfach, wenn man den Trailer gesehen hat) weiß man ja, wie die Geschichte ausgeht, und der Film tut sein Bestes, um Spannung aufzubauen und die Antagonisten möglichst verabscheuenswert zu porträtieren. Da wirkt Carries Abrechnung dann im Nachhinein doch etwas abgekanzelt und das Tempo der Story langatmig und schwerfällig. Hier wäre eine kompromisslosere und ausführlichere Szene nötig gewesen - überhaupt hätte weniger Zurückhaltung und dann eben vielleicht eine Freigabe ab 18 dem Film gut getan.
Ärgerlich ist auch die selten doof-hollywoodeske Schlusseinstellung. Es ist Peirces gutes Recht als Regisseurin, auf De Palmas klassischen Schockmoment zu verzichten, aber man musste es ja auch nicht im Stil von Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen (übrigens besser als sein Ruf) inszenieren. Über die gesamte Lauflänge wirft sie das passende, todtraurige und bitterernste Licht auf Carries Leid, da wirkt so eine Effekthascherei in den letzten Sekunden fast schäbig.
Letztendlich ist Carrie ein akzeptables Drama geworden, mit harmlosem Horror, einigen starken Momenten und so, so viel verschenktem Potential. Es hätte etwas richtig Großes werden können, aber so vergebe ich: 6 / 10 Punkten.
Eigentlich steht Kimberly Peirces Horrordrama schon mal prinzipiell unter einem schlechten Stern: es ist bereits die dritte Verfilmung von Stephen Kings Klassiker aus den 70ern, und Brian De Palmas Version mit der oscarnominierten Sissy Spacek in der Titelrolle gilt als eine der besten King-Adaptionen überhaupt. Insofern weiß man nicht so recht, wie man Peirces Film einordnen soll: ist es eine Neuinterpretation, ist es eine Hommage, oder kümmert er sich einfach gar nicht um seine Vorgänger und zieht sein eigenes Ding durch?
Schon im Vorfeld gab es die ein oder andere Kontroverse um die Besetzung der Hauptrolle, denn Chloe Grace Moretz - eine natürliche Schönheit - hätte in der Haut des hässlichen Entleins leicht deplatziert wirken können. Diese Hürde nimmt die aus Kick-Ass 1 & 2 bekannte Schauspielerin aber mit Bravour. Ihre Carrie ist so völlig hilflos und ausgeliefert, dass man gar nicht anders kann, als mit ihr zu leiden und sich ob ihres kurzzeitigen Triumphs mit ihr zu freuen. Sie macht Carries inneren Kampf mit sich selbst fühlbar. Wenn man Moretz irgendetwas würde anlasten wollen, dann, dass ihre teuflische Mimik im großen Finale doch ein bisschen gewollt und angestrengt rüberkommt. In den zahlreichen leisen Momenten des Films überzeugt sie restlos.
Über jeden Zweifel erhaben ist dagegen die große Julianne Moore, die als irre-fanatische Mutter mit Hang zur Selbstgeißelung eine wahrhaft beängstigende Figur abgibt. Ihre boshafte Rolle ist ein Highlight des Films und der Katalysator für Carries Wut.
Lobenswert zu erwähnen ist Marco Beltramis ätherischer Soundtrack, der dankenswerterweise auf den üblichen Schmonz verzichtet und die Show auch wirklich den Schauspielern überlässt.
Das Problem an dem Ganzen ist allerdings folgendes: wenn man ins Kino geht, um einen Horrorfilm zu sehen, bei dem man sich erschreckt, sich gruselt, vielleicht sogar fürchtet, dann ist man mit Carrie schlecht beraten. Zu drei Vierteln ist der Film ein Teeniedrama über Mobbing. Das ist schön und richtig und vor allem hervorragend und anrührend gemacht, aber die Relation stimmt nicht: das naja-auch-nicht-so-große Horrorfinale dauert vielleicht eine Viertelstunde und ist weder besonders schockig noch spannend noch unheimlich. Vielleicht wurde hier zu sehr auf eine niedrigere Freigabe spekuliert, vielleicht wollte sich Peirce eher auf alles Vorhergehende fokussieren, jedenfalls wäre ein deutlich düstereres und fieseres Ende ein Segen gewesen. Man erwartet einfach etwas anderes: zumindest bei Kenntnis der Vorlage (oder einfach, wenn man den Trailer gesehen hat) weiß man ja, wie die Geschichte ausgeht, und der Film tut sein Bestes, um Spannung aufzubauen und die Antagonisten möglichst verabscheuenswert zu porträtieren. Da wirkt Carries Abrechnung dann im Nachhinein doch etwas abgekanzelt und das Tempo der Story langatmig und schwerfällig. Hier wäre eine kompromisslosere und ausführlichere Szene nötig gewesen - überhaupt hätte weniger Zurückhaltung und dann eben vielleicht eine Freigabe ab 18 dem Film gut getan.
Ärgerlich ist auch die selten doof-hollywoodeske Schlusseinstellung. Es ist Peirces gutes Recht als Regisseurin, auf De Palmas klassischen Schockmoment zu verzichten, aber man musste es ja auch nicht im Stil von Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen (übrigens besser als sein Ruf) inszenieren. Über die gesamte Lauflänge wirft sie das passende, todtraurige und bitterernste Licht auf Carries Leid, da wirkt so eine Effekthascherei in den letzten Sekunden fast schäbig.
Letztendlich ist Carrie ein akzeptables Drama geworden, mit harmlosem Horror, einigen starken Momenten und so, so viel verschenktem Potential. Es hätte etwas richtig Großes werden können, aber so vergebe ich: 6 / 10 Punkten.
Donnerstag, 31. Oktober 2013
Im Weltraum hört dich niemand schmalzen
Missionsspezialistin Dr. Ryan Stone ist zum ersten Mal im All, um Reparaturarbeiten am Hubble-Teleskop vorzunehmen. Begleitet wird sie beim Außeneinsatz von Sharrif und dem alten Haudegen Matt Kowalski, der Country hört und bei seinem letzten Auftrag gerne Anatoli Solowjevs Rekord im Weltraumspaziergang überbieten möchte. Als Houston ihnen mitteilt, dass ein russischer Satellit zerstört wurde, besteht zunächst kein Grund zur Beunruhigung, da die Umlaufbahn der Trümmerteile sich nicht mit der des Teams überkreuzt. Die Kollision setzt jedoch eine tödliche Kettenreaktion in Gang, nach der Stone und Kowalski ums Überleben kämpfen - und der Kontakt zur Kommandozentrale ist abgerissen.
Alfonso Cuaróns Thrillerdrama gilt als großer Favorit für die nächste Oscar-Verleihung, und in vielerlei Hinsicht macht das auch Sinn: Sandra Bullock liefert als driftende Astronautin eine ganz starke One Man Show (oder vielleicht besser One Woman Show) ab, während George Clooney in dem bisschen Screentime, das er bekommt, unterfordert bleibt.
Die Tricks, daran gibt es nichts zu rütteln, sind phänomenal. Es ist fraglich, ob schon einmal ein Film den Weltraum so überzeugend dargestellt hat. Die beinahe unvergleichliche visuelle Wucht ist die größte Stärke des Films und fast schon den Kinobesuch wert. Die bestürzende Leere des Raums war wohl noch nie zuvor so beklemmend. Ebenfalls bemerkenswert sind die videospielhaften Sequenzen, in denen wir das Geschehen aus Stones Perspektive sehen.
Auch die Soundkulisse ist brillant: gleich zu Beginn steigert sich die Musik in eine ohrenbetäubend laute Dissonanz, ehe der Schnitt in die völlige Stille des Alls erfolgt. Clever! Dieses Spiel mit laut und leise kehrt an einigen Stellen wieder und betont die dichte Atmosphäre.
Steven Price' Musik dagegen ist mal von ätherisch-schwebender Schönheit, mal der stereotyp-anonyme Orchesterpomp. In ihren besten Momenten sorgt sie aber für die ein oder andere Gänsehaut und ist wahrhaft oscarreif.
Soweit, so nachvollziehbar, dass fast alle Kritiker in kollektive Euphorie ob Cuaróns angeblichem Meisterstück verfielen. Aber ach, es gibt doch auch einiges zu bemängeln.
So stellt sich spätestens, wenn Fräulein Stone mit tränenerstickter Stimme von der schlimmen Tragödie in ihrem Leben erzählt, ein gewisses "Och nö"-Gefühl ein, und man ahnt bereits, das wird nicht das letzte Mal im Laufe des Abends gewesen sein. Hier macht Cuarón Zugeständnisse an gängige Hollywood-Konventionen, denen zufolge offenbar jeder Protagonist irgendein Trauma erlebt haben muss. Die Frage ist nur: warum? Diese aufgesetzten Momente sollen berühren, wirken aber nur arg holprig-schnulzig und bisweilen gar unfreiwillig komisch, etwa wenn Stone einen bekloppten grönländischen Hobbyfunker bittet, er solle doch für sie beten, denn sie selbst habe das nie gelernt (inklusive schwerelos über die Leinwand wabernder Tränen).
Muss das denn sein? So ein Kitsch schadet nur der Glaubwürdigkeit des Films. Die Tragweite der Geschichte hätte auch so ausgereicht.
Letztendlich liegt der Grund für meine Enttäuschung aber wahrscheinlich bei mir: ich kam in der Erwartung eines psychologisch intensiven Kammerspiels, ich bekam nach den ersten zwanzig Minuten knalliges Popcorn-Kino mit Thrill-Garantie. Daran ist zunächst nichts auszusetzen, aber es ist auch nicht so revolutionär, wie man ob der allgemeinen Begeisterung meinen könnte. Weltraumdramas gab's schon früher, wenn auch keine so nett anzusehenden. Aber die Story hält die Spannung tatsächlich konstant hoch, auch wenn so viele unglückliche Zufälle, wie sie Dr. Stone widerfahren, fast schon wieder zum Lachen anregen.
Dennoch: an vielen Stellen wirkt der Film oberflächlich, seltsam hohl, irgendwie unfertig. Und hat in dieser Hinsicht Einiges mit dem Weltall selbst gemein: das ist auch recht hübsch, aber anfangen kann man damit wenig.
Von mir gibt es aufgrund der tatsächlich überwältigenden Optik und der - objektiv betrachtet - allgemein souveränen Ausführung 7 von 10 Punkten.
Alfonso Cuaróns Thrillerdrama gilt als großer Favorit für die nächste Oscar-Verleihung, und in vielerlei Hinsicht macht das auch Sinn: Sandra Bullock liefert als driftende Astronautin eine ganz starke One Man Show (oder vielleicht besser One Woman Show) ab, während George Clooney in dem bisschen Screentime, das er bekommt, unterfordert bleibt.
Die Tricks, daran gibt es nichts zu rütteln, sind phänomenal. Es ist fraglich, ob schon einmal ein Film den Weltraum so überzeugend dargestellt hat. Die beinahe unvergleichliche visuelle Wucht ist die größte Stärke des Films und fast schon den Kinobesuch wert. Die bestürzende Leere des Raums war wohl noch nie zuvor so beklemmend. Ebenfalls bemerkenswert sind die videospielhaften Sequenzen, in denen wir das Geschehen aus Stones Perspektive sehen.
Auch die Soundkulisse ist brillant: gleich zu Beginn steigert sich die Musik in eine ohrenbetäubend laute Dissonanz, ehe der Schnitt in die völlige Stille des Alls erfolgt. Clever! Dieses Spiel mit laut und leise kehrt an einigen Stellen wieder und betont die dichte Atmosphäre.
Steven Price' Musik dagegen ist mal von ätherisch-schwebender Schönheit, mal der stereotyp-anonyme Orchesterpomp. In ihren besten Momenten sorgt sie aber für die ein oder andere Gänsehaut und ist wahrhaft oscarreif.
Soweit, so nachvollziehbar, dass fast alle Kritiker in kollektive Euphorie ob Cuaróns angeblichem Meisterstück verfielen. Aber ach, es gibt doch auch einiges zu bemängeln.
So stellt sich spätestens, wenn Fräulein Stone mit tränenerstickter Stimme von der schlimmen Tragödie in ihrem Leben erzählt, ein gewisses "Och nö"-Gefühl ein, und man ahnt bereits, das wird nicht das letzte Mal im Laufe des Abends gewesen sein. Hier macht Cuarón Zugeständnisse an gängige Hollywood-Konventionen, denen zufolge offenbar jeder Protagonist irgendein Trauma erlebt haben muss. Die Frage ist nur: warum? Diese aufgesetzten Momente sollen berühren, wirken aber nur arg holprig-schnulzig und bisweilen gar unfreiwillig komisch, etwa wenn Stone einen bekloppten grönländischen Hobbyfunker bittet, er solle doch für sie beten, denn sie selbst habe das nie gelernt (inklusive schwerelos über die Leinwand wabernder Tränen).
Muss das denn sein? So ein Kitsch schadet nur der Glaubwürdigkeit des Films. Die Tragweite der Geschichte hätte auch so ausgereicht.
Letztendlich liegt der Grund für meine Enttäuschung aber wahrscheinlich bei mir: ich kam in der Erwartung eines psychologisch intensiven Kammerspiels, ich bekam nach den ersten zwanzig Minuten knalliges Popcorn-Kino mit Thrill-Garantie. Daran ist zunächst nichts auszusetzen, aber es ist auch nicht so revolutionär, wie man ob der allgemeinen Begeisterung meinen könnte. Weltraumdramas gab's schon früher, wenn auch keine so nett anzusehenden. Aber die Story hält die Spannung tatsächlich konstant hoch, auch wenn so viele unglückliche Zufälle, wie sie Dr. Stone widerfahren, fast schon wieder zum Lachen anregen.
Dennoch: an vielen Stellen wirkt der Film oberflächlich, seltsam hohl, irgendwie unfertig. Und hat in dieser Hinsicht Einiges mit dem Weltall selbst gemein: das ist auch recht hübsch, aber anfangen kann man damit wenig.
Von mir gibt es aufgrund der tatsächlich überwältigenden Optik und der - objektiv betrachtet - allgemein souveränen Ausführung 7 von 10 Punkten.
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